2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Joseph E. Stiglitz
Erschienen
Die Roaring Nineties - Der entzauberte Boom
06/2004
Siedler Verlag, Berlin
350 Seiten / € 24.-
Eine Dekade ungeahnten wirtschaftlichen Booms bis die Blase platzte und Milliarden von Dollar wie vom Winde verweht wurde: Dies waren die letzten Jahren des vergangenen Jahrtausends in den USA, nicht in Deutschland. Joseph Stiglitz, us-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger des Jahres 2001 beschreibt in zwölf Kapiteln, wie es zu diesem lang anhaltenden Aufschwung kam und was geschah, als Illusionen entzaubert wurden. Dabei geht der bekennende Demokrat und Wirtschaftsberater des Präsidenten Bill Clinton hart mit der Wirtschaftsphilosophie der Republikaner ins Gericht. Steuersenkungen, Deregulierung im Sinne von Privatisierung und Rückzug des Staates haben Reiche noch vermögender gemacht und kamen unteren Einkommenschichten primär nicht zu gute.

Warum dieser Aufschwung in den "goldenen Neunzigern"? Glaube an die unbesiegbare Stärke der USA nach dem siegreichen Ende des "kalten Krieges", Investitionen in "New Economy" und viele andere Faktoren beförderten die Illusion eines endlosen Aufschwungs, welcher ein negativ besetztes Markenzeichen des Kapitalismus - den Konjunkturzyklus - überwinden könnte. Aber dies gehörte ebenso zu den Mythen, wie der Glaube vieler Akteure an der "Wall Street" an Adam Smiths These, der Egoismus der Individuen komme dem wirtschaftlichen Wohle der Gemeinschaft zugute.

Stieglitz, ein weißer Ritter unter schwarzen Schafen amerikanischer Businessmen, entglorifiziert den schönen Schein des tatsächlich ungesunden Booms und veranschaulicht dem Leser, mit welchen kriminellen Machenschaften in einem Zusammenspiel von Konzernen und Banken viele gutgläubige Kleinaktionäre um ihr Vermögen gebracht wurden. Im Fall des Energiekonzerns "Enron" zeigt der Wirtschaftsprofessor, wie skrupellose Wirtschaftskapitäne Ihre Aktienoptionen für hunderte Millionen von Dollar verkauften - zu einem Zeitpunkt, als sie längst wussten, dass der Konzern kurz vor dem Ruin stand. Gleichzeitig verführten sie die Kleinaktionären zum Kauf von Anteilscheinen.

Apropos Aktienoptionen. Stiglitz führt vor, wie dieses Mittel der Vergütung primär dem Einkommen der Chefetagen dient und einen Anreiz für kurzfristige Kursanstiege schafft ohne die für Nachhaltigkeit notwendige Basis zu schaffen.

Moral und Wirtschaft. Joseph Stiglitz spricht sich für mehr Ehrlichkeit und den Mut zur Wahrheit aus. Der Autor, Angehöriger einer Generation, die von John F. Kennedys Aufforderung zum Einsatz für Staat und Gemeinschaft geprägt wurde, schreibt, wie viele seiner heutigen Studenten nur auf individuellen pekuniären Fortschritt aus sind und nicht mehr über den Tellerrand ihrer eigennützigen Ziele hinaus blicken.

Und der Staat? Volkswirt Stiglitz unterscheidet den Staat nach seiner Wirkung nach Innen und nach Außen und kritisiert Ungereimtheiten in seiner Wahrnehmung im Ausland. Einerseits predigt der Staat ausländischen Gemeinwesen Privatisierung und Öffnung der Märkte; gleichzeitig verhindern die USA den freien Handelsverkehr in eigene Märkte gerade für Produkte aus Entwicklungsländern. Diese Scheinheiligkeit sei für die Glaubwürdigkeit und das Ansehen der USA gerade nicht förderlich, so der Professor, der in Yale, Princeton, Oxford und Standford lehrte und seit 2002 an der Columbia University in New York liest. Im Innenverhältnis zwischen Staat und freiem Markt bricht der Autor mit der in den Staatem lange Zeit vorherrschenden Meinung von "möglichst wenig Staat". Er möchte die Balance beider Akteure wieder herstellen. Staatliche Rentenversicherungen seien sicherer und als private Rentenfonds, welche viele tausende Amerikaner in Altersarmut geführt haben. Auch könne nur der Staat dafür Sorge tragen, dass man das Umweltbewusstsein protegiert, da die Wirtschaft freiwillig kaum für die Wahrung der Schöpfung eintreten würde. Für Investitionen in Zukunftstechnologien würden weiterhin staatliche Gelder benötigt- wie es das Internet gezeigt habe. Diese Kommunikationstechnologie wäre ohne den Staat nicht verwirklicht worden, wie Stiglitz anschaulich nachweist.

Wie Probleme gelöst und solche "Blasen" in Zukunft verhindert werden könnten zeigt der Autor in seinem politischen Zukunftentwurf, den er "Neuen Demokratischen Idealismus" nennt. Man kann seine Vorstellungen zusammenfassen in zwei Worten, die Ludwig Erhard bereits in den 1960er Jahre prägte : "Maß halten."


"Die Roaring Nineties" geben einen Insiderblick in Leistungen und Fehlleistungen der USA. Stiglitz, ein Michael Moore für Wirtschaftsintellektuelle, bezieht deutlich Stellung zu wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen. Es ist zwar vor allen Dingen eine Buch aus amerikanischer Sichtweise und für den amerikanischen Büchermarkt geschrieben, aber für den interessierten Leser, der einfach wissen möchte, wie Abläufe in den USA vonstatten gehen, unverzichtbar.