2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Erotisches vom Traumtyp Maddin
07/2004
Es gibt Berufe, die man sich wählt und Berufungen, in die man hineingeboren wird. Der Comedy-Shootingstar Martin Schneider hat anfang Juni in der Hockenheimer Stadthalle eine dritte Kategorie eröffnet: Es gibt Karrierezwänge, die biologisch aufgegeben sind. Denn absolut zu recht fragt man sich, was der Mann mit dem Gummigesicht eigentlich hätte machen sollen, wenn es keine Comedy gäbe – mit einem Antlitz, das auch unter Aufbietung aller Kräfte den treudoofen Ausdruck von "Dick und Doof"-Mimen Stan Laurel nicht abstellen kann. So tourt Schneider als sein Alterego "Maddin" seit etwas mehr als 10 Jahren durch die Lande und wurde vor allem als festes Mitglied der PRO7-Comedy-Gang "Comedy Factory" und feste Größe im "Quatsch-Comedy-Club" von Thomas Hermanns auf dem selben Sender bekannt.

Kein Wunder also, dass er mühelos auch den Musentempel der Rennstadt mit einem frenetisch begeisterten Publikum füllen konnte – nachdem er vor zwei Jahren bereits "Vorarbeit" im Pumpwerk geleistet hatte.

Mehr als zwei Stunden plauderte "Maddin" dann aus einem Leben, das von einer Katastrophe in die andere taumelt, stets eingekeilt zwischen der Angst, den Herd nicht ausgemacht zu haben und dem schöneren Geschlecht – sein Leben bedeutet vor allem "Mädschen und das ganze Gedöns – vor allem das Gedöns".

Das liegt vor allem daran, dass der Lokalpatriot aus Burgolzhausen ganz genau weiß, dass er ein Traumtyp ist: Eine Mischung aus Kleiderständer und Mick Jagger – na ja, Hauptsache, man ist erotisch!

So sprudeln sie aus ihm geradezu heraus, die vielen Frauen-Geschichten: Von den ersten Vaterschafts-Ängsten mit acht ("odder achteinhalb") nach dem ersten Kuss, der nach Nutella schmeckte ("Ich war damals schon ein ganz schöner Schlawiner!") und frühen Gesellschaftsspiele (Flaschendrehen), bei denen er "natürlich mal wieder die Arschkart gezoge" hat und der oberlippenbärtigen Heike die "erbärmlichen Käsquanten" mit Öl aus der Sardinenbüchse massieren musste. Alles große Probleme für einen ganzen Kerl, der mit Fug und Recht behaupten kann, "wenn’s drauf ankommt bin isch ein eiskalter Draufgänger" – so wie bei der im wahrsten Sinne des Wortes "heißen" Story mit der Italienerin aus der Espresso-Bar, die so komatös-schön "Ciao" sagen kann.

Schneiders biographische Anmerkungen leben aus sich selbst heraus, sie erzählen die Geschichte eines ganz normalen Mannes und drängen den schlimmen Verdacht auf: Ein kleiner "Maddin" steckt doch irgendwo in jedem von uns. Wenn er sich darüber aufregt, wie der Arzt "doch tatsächlich bei vollem Bewusstsein Blut abgenomme" hat ("Das tut doch weh!"), denkt man an die eigenen phobischen Anfälle im Angesicht von Weißkitteln, macht der Hesse einen weiten Bogen um die "Bläschen im Whirlpool, die da an einem hochblubbern", kommen dem geneigten Zuhörer eigene Befürchtungen in den Sinn ("Ich hab Angst, ich krieg ä Hörnsche") – und wer von uns kontrolliert nicht im grünen Frottee-Schlafanzug hundertmal pro Nacht, ob auch kein Apachen-Krieger unter dem Bett liegt. Ja, Schneider konnte auch in Hockenheim feststellen, dass er bei weitem nicht "der einzisch Bekloppte" ist.

Zu seinen ungeheuerlich alltäglichen Geschichten gesellt sich etwas, das nicht jeder Comedian mitbringt: "Net nur, dass isch jetzt 'n schöne Körper hab" –auch das Grinsen des "Topmodells" und "Anzugtyps" ist wie ein breites Stück aus einer Wassermelone – die meisten Brüller produziert er deshalb auch nicht mit dem, was er sagt, sondern mit der Art und Weise, wie er es tut: Er braucht nur einfach "Schpresche". Deshalb brüllten sich die ersten Gäste schon unter die Stadthallen-Stühle, als "Maddin" nur die Bühne betrat. Klar, dass er diese besondere Gabe ganz gezielt einsetzt, um sein Publikum in den zwerchfelltechnischen Wahnsinn zu treiben: "Isch bin schließlisch net vun Dummbach!" Bedauerlich allerdings für die wirklichen Schneider-Fans, dass das Programm wortwörtlich dem entsprach, das Schneider schon zwei Jahre zuvor präsentierte; und dass die Stadthalle letztendlich das absolut falsche Pflaster für einen Mann ist, der vor allem als Figur und weniger aus seinen Texten allein lebt. So lässt sich auch erklären, warum in den hinteren Reihen die Lacher-Frequenz deutlich absackte: Wenn man diese herrliche "Fresse" nicht sehen kann, ist es eben nur halb so lustig.


Trotzdem setzte sich auch diesmal wieder die Überzeugung durch: Ich bin auch ein "Maddin" und habe eben auch nicht mehr "alle am Sträußsche".



Weitere Infos im Internet unter http://www.maddin.de.