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Lester Thurow
Erschienen
Die Zukunft der Weltwirtschaft
07/2004
Campus Verlag GmbH, Frankfurt/M.
352 Seiten / € 24,90
Die Zukunft der Weltwirtschaft gehört den Mutigen: Individuen wie auch Gemeinwesen, die technische und wirtschaftliche Wagnisse und Herausforderungen annehmen und neue Wege beschreiten. Dies ist die Quintessenz des Wirtschaftswissenschaftlers Lester Thurow, der gleichzeitig viele Beispiele aus der Vergangenheit aufgreift. Das alte Ägypten, Griechenland und das Imperium Romanum konnten sich nur deshalb bis zu mehreren Jahrhunderten halten, weil sie ihren Gegnern technisch, kulturell, militärisch und in ihren Sozialsystemen überlegen waren. Doch als sie - von den Erfolgen selbstzufrieden und träge - ihre Dynamik verloren, begann jeweils ihr Niedergang.

"Was hat all dies mit der zukünftigen Weltwirtschaft zu tun?" werden sich die Leser fragen. Aus der Analyse der Vergangenheit und dem Versuch einer ehrlichen Bestandsaufnahme der Gegenwart können Indikatoren für die Zukunft, die in diesem Fall "Globalisierung" heißt, abgeleitet werden. Länder, die sich der Dynamik des globalen Wandels verschließen, werden den Anschluss verlieren oder einfach missachtet. Dabei ist Globalisierung ein Nebenprodukt der dritten Industrieellen Revolution, des rasenden Wandels der Kommunikationstechniken und vor allem der Biotechnik. Ein Prozess, der sich insbesondere auf Amerika, Europa und Südostasien bezieht. Weite Teile der Welt, fast der ganze schwarzafrikanische Kontinent, würden übergangen, da dieser Raum zu schwach sei, so der Professor.

Aber wie können bislang benachteiligte Gesellschaften aufschließen? Globalisierung ist ein Wettbewerb, bei dem Volkswirtschaften wie in Fußballligen auf und absteigen. Den einen gelingt es, anderen wiederum nicht. Lester Thurow, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, zeigt dies an konkreten Beispielen wie China und Indien.

Während China auf dem Sprung in die "Erste Welt" ist, kommt Indien trotz einiger Erfolge in der Computertechnologie nicht richtig aus den Startlöchern. Einige der wichtigsten Grundbedingungen für eine erfolgreiche Zukunft seien Investitionen "in die Breite": Hochschulbildung, eine funktionierende Geburtenkontrolle und soziale Mobilität. China sei vor allem deshalb erfolgreicher als Indien, weil auf dem Subkontinent die soziale Mentalität des Kastenwesens, das soziale Durchlässigkeit erschwert oder verunmöglicht, immer noch besteht.

Der Autor vergleicht darüber hinaus die "Triade", wie er die USA, Europa und Japan nennt, und zeigt Stärken und Schwächen auf. Stärken von Volkswirtschaften zeigten sich vor allem darin, wie mit Wirtschaftskrisen, die ein "genetischer Bestandteil des Kapitalismus", wie Thurow es nennt, seien, umgegangen werde. Anschaulich wird dies am Krisenmanagement der USA und Japans dargestellt: Während die USA radikale Schritte in der Wirtschaftskrise Ende der 1980er Jahre unternommen hätten, unrentable Firmen geschlossen worden seien, Aktionäre ihr Kapital verloren hätten und korrupte Manager vor Gericht gestellt worden seien, gelängen Japan ähnlich beherzte Schritte seit über einem Jahrzehnt nicht. "Das verlorenen Jahrzehnt für Japan", konstatiert der Wirtschaftsprofessor und führt die Nichtbewältigung der lang anhaltenden Krise auch auf die Mentalität der Asiaten Japaner zurück, die auf zu viel Konsens setzten und erkennbar notwendige Maßnahmen nicht umzusetzen bereit seien.

Der Autor denkt über den Tellerrand hinaus und gibt Denkanstöße für die zukünftige Weltwirtschaft. Dazu bedürfe es unter anderem eines "Chief Knowledge Officer" (CKO) der in Firmen wie auch in Regierungen als eine Art "Trendscout" fungiere, Markt und Zukunftschancen sowie Wettbewerbsvorteile sondiere und vorausschauenden agiere.


Lester Thurows Buch zur Zukunft der Weltwirtschaft ist nicht nur ein Muss für Wirtschaftshistoriker, Politologen, VWLer wie BWler. Es besticht durch große analytischer Schärfe, Weisheit und ein breites Verständnis von Geschichte und Kultur. Der Autor ist äußerst differenziert und schreibt trotz oder gerade wegen der vielen Fakten und Statistiken verständlich. Ein Buch, das den Leser zum selbstständigen Nachdenken über die Zukunft anregt. Es liest sich wie eine Regierungserklärung der kommenden Generation und dennoch wäre es von Vorteil, wenn die aktuellen maßgeblichen Akteure in Politik und Wirtschaft dieses nimmermüde zu lobende Buch lesen und seine Vorschläge umsetzten würden.