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John Gray
Erschienen
Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne
07/2004
Verlag Antje Kunstmann, München
176 Seiten / € 16,90
Ein Buch, in den Worten des Autoren "ein schmaler Band", ein erhellendes dazu.

Al-Qaida. Ein Name, der in weiten Teilen der Welt Angst und Schrecken auslöst.
John Gray sieht die radikale islamische Terrororganisation ebenso wie Kommunismus und Nationalsozialismus als Produkt der Moderne und in ihr speziell eine Begleiterscheinung der Globalisierung.

In acht Kapitel unterschiedlichen Umfanges (zwischen fünf und 25 Seiten) aber stets informativen Inhaltes geht der Professor an der renommierten London School of Economics weit in den Geist der westlichen Welt bis zu den Positivisten Henri de Saint-Simon und Auguste de Comte aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Positivisten sind nach Grays Auffassung die Propheten der Moderne, die sowohl Marx und das kommunistische Regime des 20. Jahrhunderts als auch den Neoliberalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts und beginnenden 21. Jahrhunderts beeinflussen. Aber welche Intention verfolgen Positivisten und wie steht all dies im Zusammenhang mit al-Qaida ?

Die drei Leitsätze des positivistischen Katechismus sind: Die Geschichte wird von der Kraft der Wissenschaft angetrieben und führt zu Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft. Wissenschaft ermöglicht die Überwindung naturbedingter Knappheit und hilft bei der Bann von Armut und Krieg. In der Folge passen sich die Wertvorstellungen der Menschen zu einem ethischen höheren Sein an. Und al-Qaida?

Die Terrorvereinigung hat mit den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 nach Meinung John Gray genau diesen Mythos des Westens zerstört.

Gray kritisiert die - etwas salopp formulierte - Auffassung, am Westen solle die ganze Welt genesen und tritt statt dessen für einen polyzentrischen Ansatz ein, in dem verschiedene Lebenswelten nebeneinander existieren und sich respektieren.

Der Autor setzt sich auseinander mit der Wirkung des radikalen Islamismus auf den Westen und untersucht vor allem die USA und deren vermeintlichen Stärke genauer. Dabei ist es interessant zu beobachten, wie zwei herausragende Wissenschaftler diametral zu unterschiedlichen Erkenntnissen gelangen. Dies lässt sich insbesondere an der Einschätzung der wirtschaftlichen Stärke Japans beobachten. Während John Gray Japan als die einzig wirkliche Wirtschafts-Supermacht ansieht, ist nach Ansicht seines Wissenschaftskollegen Lester Thurow das Land der aufgehenden Sonne im Niedergang begriffen. John Grays bei Kunstmann und Lester Thurows bei Campus erschienenen Bücher lassen sich insofern als gegenseitige Ergänzung vorzüglich lesen.


Gray gelingt in seinem "schmalen Band" eine bestechend klare Sprache. Den Kapitel vorangestellt stehen jeweils passende Zitate. Um dem Leser komplexe Zusammenhänge nahe zu bringen zitiert der Autor gerne in direkte Rede Passagen aus Romanen, die zur von John Gray bezweckten Aufweichung der Materie beitragen.

PK