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Erschienen
Eine Nacht voll musikalischer Geschenke
07/2004
Als ein kantiges Querdenker-Festival ist die jüngste "Nacht der Lieder" Mitte Juni im Hockenheimer "Pumpwerk" einmal mehr zu einem großen Erfolg der aufrührerischen, der nachdenklichen und vor allem der wenig windschnittigen Töne geworden.

Die sechste Einladung in den Hockenheimer Musentempel der Rennstadt sprach die Mannheimer Liedermacherin Joana zwar erneut an liebgewonnene Kollegen aus, allerdings war diesmal der Blick nicht so deutlich in den Westen nach Frankreich gerichtet: Mit dem absoluten Ausnahme-Akkordeonisten Jean Pacalet war auch ein nachbarschaftlicher Import dabei, aber mit der bereits zu DDR-Zeiten bekannten Liedermacherin Barbara Thalheim und dem klanglich-kabarettistischen Dreigespann "Liederjan" waren es auch einmal Kleinode aus dem eigenen Land, die gemeinsam mit der Gastgeberin vor vollem Haus und vor allem für begeisterte Ohren, Augen und Herzen musikalische Feste feierten.

Zu Joana noch große Worte zu verlieren, ist die buchstäblichen Eulen nach Athen getragen – das inzwischen auch hochdekorierte "Bloomaul" hat sich durch eine besonders fesselnde und angenehme Stimme, durch mal tragische, mal witzige Lieder und durch einen besonderen Charme als Botschafterin der Lieder verdient gemacht. An diesem Abend blickte sie zusammen mit Peter Grabinger am Klavier mit einem "Abgesang auf Olympia wies bisher war" unter anderem auf die anstehenden Spiele nach Athen und gab mit ihrem augenzwinkernden "Frosch, Frosch, Fröschele, isch küss Dir net Die Göschelle" einen Schenkelklopfer aus der Rubrik "Mundart" zum Besten.

"Liederjan" ist eine Formation, die sich so gar nicht einordnen lässt in die gängigen Genre. Die instrumentellen Multitalente Jörg Ermisch, Hanne Balzer und Jürgen Leo setzen mit ihren liederlichen und genialen Stücken nach dem Tod von Anselm Noffke eine langgehegte Tradition fort – immerhin begann "Liederjan" (damals noch als "Tramps & Hawkers" bereits Ende der 1960-er Jahre damit, sich den rebellischen, den unkonventionellen, den aufrührerischen und subversiven Tönen zu verschreiben. "Trocken und süffisant" stolperten die Drei auch durch diesen Abend, im "Zug nach Paris" die Wehmut mit einer farbenfrohen Musik bekleidet, mit "In Reih und Glied" fanatischen Schrebergärtnern als Archetypen von Recht und Ordnung einen Blick zurück ins Heute aufgezwungen, wo alles Fremde abgelehnt wird – selbst wenns nur "fremde Kräuter" sind: "Mein Rasen ist doch kein Asyl". "Liederjan" ist vor allem deshalb so schwer unterzubringen, weil es mehr ist als eine singende Kampftruppe, mehr als ein Kabarett-Ensemble oder ein humorvolles Untergrundgeschwader: "Liederjan" mischt aus allem ein wenig zu etwas ganz Bemerkenswertem.

In eine ganz ähnliche Richtung geht auch Barbara Thalheim, an diesem Abend begleitet von Jean Pacalet. Sinnenreiche, das eigene Land, das eigene Leben und das eigene Sein hinterfragende Stücke mischen sich bei ihr mit einer schroffen, fast bitteren Intonation, einer manchmal schneidenden, manchmal fast zerbrechlich wirkenden Stimme, der das Prädikat "schön" sicherlich nicht gut zu Gesichte stehen würde. Markant, unkonventionell, weit jenseits jeder Konfektion und Masse bewegt sich die Frau, die seit dreißig Jahren auf den Bühnen der einen wie der anderen Republik steht. "Ich atme die Welt ein und als Lied wieder aus" – besser kann man den katalytischen Prozess nicht beschreiben, den die Thalheim vollzieht: Wenn sie als "Begegnung der Dritten Art" den Kanzler trifft, kann sie ihm nur diese "komische Agenda 2010" vorwerfen – und den Politikern, die unter dem Postulat der Flexibilität gerne aus Äpfeln und Birnen Pflaumen machen, unter die Nase reiben, "auch ein flexibler Kassierer ersetzt keinen Programmierer". Keine Frage, dass sie damit in der alten DDR angeeckt ist. Anders sah das beim Pumpwerk-Publikum aus, das mit großer Spannung und bisweilen auch Bewegtheit der Sängerin, die bisweilen an den alten Kabarett-Haudegen Hanns-Dieter Hüsch erinnerte, auf ihrem ganz eigenen Weg folgte: "Ja so bin ich und so war ich, einzeln, aber nicht allein".

Mit einem überraschenden Intermezzo brillierte schließlich Jean Pacalet: Der französische Akkordeonist brachte in "Paysage sous la mer“ mit teils auf den ersten Blick subtilen Mitteln das Rauschen der Brandung, die feinen Obertöne maritimer Stille, aber auch das sanfte, in feine Perlen aufsteigende Atmen, das Bedrohliche der Tiefe, das sich in reine Klarheit auflösen kann auf den Tasten und Knöpfen seines Instruments unter. So wurde aus der "Landschaft unter dem Meer" ein atemberaubendes Kunstwerk, das nur bei flüchtiger Betrachtung nicht ins Programm gepasst hat, es aber in Wirklichkeit perfekt focussierte.


Einmal mehr hat Joana mit ihren Gästen dem "Pumpwerk" eine ganze Nacht voll Poesie, Gedanken, und musikalischen Geschenken bereitet.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.joana.de, http://www.barbara-thalheim.de, http://www.liederjan.de.