2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Dai Sijie
Erschienen
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
07/2004
Piper Verlag, München
200 Seiten / € 7,90
Man erfährt nie ihren Namen, sie bleibt immer nur die "kleine Schneiderin". Und trotzdem ist sie die Namensgeberin dieses erfolgreichen Romans, der inzwischen sogar verfilmt wurde. Zuerst schüchtern, dann zunehmend vorwitziger erobert sie die Herzen der männlichen Romanfiguren – sowie die Sympathien der Leser.

Die Geschichte der kleinen chinesischen Schneiderin wird aus der Perspektive eines jungen Mannes erzählt, der mit seinem Freund Luo nach der chinesischen Kulturrevolution zur Umerziehung in ein abgelegenes Bergdorf geschickt wird. Die Väter der beiden sind Ärzte und erklärte Staatsfeinde, und so müssen die jungen "Intellektuellen" (trotz kläglicher Schulbildung) auf den Feldern der Bauern arbeiten und Jauche schleppen, um ihr reaktionäres Elternhaus zu vergessen und sich in gute revolutionäre Genossen zu verwandeln.

Vor diesem politischen Hintergrund entwickelt sich erst langsam, dann immer stürmischer eine Liebesgeschichte zwischen Luo und der kleinen Schneiderin, einem Mädchen aus dem Nachbardorf der beiden Freunde. Zunächst kaum mehr als eine willkommene Abwechslung von dem harten und eintönigen Alltag, rückt sie immer mehr ins Zentrum der Erzählung. Geht es anfangs noch um die Bewältigung der Herausforderungen, die die Umerziehung an alle Beteiligten stellt, so verschiebt sich ganz allmählich der Fokus des Erzählers. Denn nicht nur Luo, auch der Ich-Erzähler bleibt vom Charme des einfachen Dorfmädchens nicht unberührt. Und so steht die kleine Schneiderin zunehmend im Mittelpunkt der Geschichte, auch wenn sie selbst selten zu Wort kommt und immer aus der Perspektive anderer geschildert wird. Dadurch bleibt das Bild von ihr merkwürdig unscharf und flach – bietet gleichzeitig aber auch viel Raum für Projektionen.

Zeitgleich mit der Leidenschaft für die kleine Schneiderin entwickeln Luo und der Ich-Erzähler noch eine andere Besessenheit: Sie vermuten, dass ein Leidensgenosse der Umerziehungsmaßnahmen in einem nahe gelegenen Dorf einen Koffer mit verbotener Literatur in die intellektuelle Einöde mitgenommen hat. Der Besitzer solch gefährlicher Kostbarkeiten streitet natürlich alles ab, kann jedoch den Verdacht der beiden Freunde nicht zerstreuen. Gemeinsam mit der kleinen Schneiderin setzen sie alles daran, die Bücher aus dem geheimnisvollen Koffer zu lesen zu bekommen.

Als sich die Gelegenheit bietet, den ganzen Koffer zu entwenden, erbeuten die drei einen unvorstellbaren Schatz: Unzählige Romane ausländischer Schriftsteller, die sie nach und nach verschlingen. Luo liest der begeisterten kleinen Schneiderin aus den verbotenen Büchern vor – und die kann gar nicht genug bekommen von den fremden Autoren, die von einem bunten und aufregenden Leben berichten. Die fremden Geschichten bieten die Möglichkeit, wenigstens in der Fantasie dem tristen Alltag im abgeschiedenen Bergdorf zu entfliehen. Sie kontrastieren Sitten und Gebräuche, Einstellungen und Denkweisen – ihr ganzes bisheriges Leben.

So kann es kaum verwundern, dass die Schneiderin tief beeindruckt ist von all dem, was ihr an neuen Eindrücken durch die Bücher vermittelt wird. Sie, die nie aus ihrem kleinen Dorf herausgekommen ist, bekommt Zugang zur Welt. Zunächst lässt sie neue Ideen in das traditionelle Dorfleben einfließen und lebt sich in ihrer Beziehung zu Luo aus. Der Ich-Erzähler bekommt die Rolle des Beschützers und väterlichen Freundes. Doch die Veränderung der jungen Frau reicht tief. Es kommt die Zeit, als ihr das Dorfleben, die Bücher und die Freundschaft nicht mehr genügt. Und so zieht sie ihre ganz eigene Konsequenz aus den vorgelesenen Romanen.

Plötzlich stehen die beiden "Intellektuellen", die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die kleine Schneiderin in eine Dame von Welt zu verwandeln – eine ebenbürtige Gesprächspartnerin, eine vorzeigbare Freundin, ein modernes Mädchen – vor dem Ergebnis ihrer Bemühungen und werden mit den Folgen der Verwandlung der jungen Frau konfrontiert.

Eine Geschichte über die Macht von Geschichten, den Einfluss von Büchern, die Bedeutung der Kultur. Gleichzeitig eine Liebesgeschichte, ein Nachdenken über Verantwortung und Freiheit, über den Anspruch, einen Menschen zu formen. Mit einem traurigen, hoffnungsvollen, offenen Ende. Unerwartet? Mag sein. Zumindest aus der Sicht der beiden jungen Männer. Und da wir in diesem Roman ihre Perspektive teilen, wirkt das Ende überraschend, überstürzt, unvorbereitet. Aber nicht unglaubwürdig.

Besonders schön sind die Parallelen, die sich zwischen der individuellen Entwicklung der Protagonisten und der Entwicklung der Kulturrevolution ziehen lassen: In beiden Fällen lässt sich die Entwicklung nicht in vorbestimmte Bahnen lenken, tritt eine Öffnung und Erweiterung der engen Sichtweisen ein.

Dai Sijie hat die kulturelle Umerziehung selbst miterlebt - in einem kleinen Bergdorf. So lässt sich vermuten, dass er eigene Erfahrungen verarbeitet und schildert, dass er berichtet, was sich so oder auch nur so ähnlich zugetragen hat. Er bedient sich dabei eines recht nüchtern wirkenden Stils: Verfasst ein Buch über die Liebe, in dem kaum von Emotionen die Rede ist. Kein lautes Jammern über die Härte der Umerziehung, kein überschäumender Jubel über den erbeuteten Bücherkoffer, kein Wort der Eifersucht, wenn der Ich-Erzähler bei der kleinen Schneiderin den Kürzeren zieht; Gefühle bleiben unter der Oberfläche, sind spürbar vorhanden, werden aber nicht ausgesprochen. Das lässt den Ich-Erzähler beherrscht wirken, Luo an manchen Stellen beinahe herzlos. Und die kleine Schneiderin? Was in ihr wirklich vorgeht, wird ohnehin erst zum Schluss angedeutet.


Ein lesenswertes Buch, eine nachdenklich stimmende Liebesgeschichte. Inzwischen überaus stimmig verfilmt, in anrührende Bilder übersetzt. Der Roman hinterlässt jedoch keinen unauslöschlichen Eindruck, gräbt sich nicht ins Gedächtnis ein. Genau wie die Namenlosigkeit der kleinen Schneiderin bleibt auch die Erinnerung an die Geschichte schemenhaft. Eine nette Lektüre, jedoch kein absolutes Muss.