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Erschienen
New Orleans Musik Festival in Hockenheim war ein wahres Fest
08/2004
Auch wenn allenthalben behauptet wird, der Jazz sei ein Nischenprodukt für Minderheiten – nach Verbraucherumfragen interessieren sich nur vier Prozent der Bevölkerung für diese Musikform -, so hat die Rennstadt Anfang Juli unter Beweis gestellt, dass die Anhänger zumindest der populäreren Jazz-Stile durchaus Masse machen können. Einen ganzen Tag lang haben sie im Landesgartenschaupark die Lamellenhalle in zwar wechselnden Besetzungen, aber stets mit ausreichend Publikum und bester Stimmung gut gefüllt. Das gilt auch, wenn man sich angesichts des erstklassigen Aufgebots auf der Bühne natürlich durchaus noch mehr Gäste hätte wünschen können: Neben der niederländischen "Boogie-Lady" Anke Angel standen die Jazz-Legende Rod Mason, die Blues-Ikone Angela Brown und das Cajun-Duo "Bajou Seco" mit Ken Keppler und Jeanie McLerie für absolut unangefochtene Top-Qualität.

In abwechslungsreichen Programmblöcken machten die Künstler zusammen rund sieben Stunden Musik vom feinsten.

Die rothaarige Anke Angel, die eigentlich Juristin ist, dann aber richtigerweise festgestellt hat, dass sie mit Musik mehr Menschen glückliche machen kann, als das als Anwältin möglich wäre, präsentierte mit erdig-freier Stimme, die aufs erste Hören so gar nicht zu tragen schien, dann aber sehr beeindrucken konnte, einen markanten Stil; der Boogie, den sie sich zusammen mit Bassist George van Deijl und Drummer Mark de Jong auf die Fahnen geschrieben hat, war genau das richtigen, um den langen Musiktag Tag perfekt rassig mit packendem Swing einzuleiten. Dabei nimmt die die Frau, deren Stärke neben einem absolut durchwachsenes Klavierspiel eine mit keckem Grinsen und flotten Sprüchen servierte Musik mit viel Drive ist, gerne auch mal eine sinnliche Blues-Nummer mit rein.

Bereits eine alte Bekannte und entsprechend mit stürmischem Jubel begrüßt und begleitet wurde "Chicagos Number One" Angela Brown. Die Blues-Diva, die mit der "Erwin Helfer Band" und den "Chicago Allstars" berühmt geworden ist, konnte mit ihrer maskulin rauen Stimme schnell zum Publikumsliebling avancieren: Viel Kraft und Bestimmtheit und ein perfektes Timing machen sie zu einer der besten Blues-Sängerinnen unserer Tage. Dabei verlässt sie gerne auch einmal die eingefahrenen Bahnen konventioneller Intonation und bringt so noch mehr Feuer in ihre Stücke.

"Alte Hasen" im Show-Biz und dennoch erstaunlich frisch: Die Musik-Veteranen Ken Keppler und Jeanie McLerie, die mit Fiddle, vor den Bauch geschnalltem Waschbrett und vor allem mitreißenden Rhythmen als "Bajou Seco" brillierten. Wenn sie auch aussehen, als seien sie direkt einem "Western von Gestern" entsprungen, so verkörpern sie in Wahrheit Musik bis in die letzte Haarspitze ihrer weißen Pracht; mit dem traditionellen Cajun Louisianas und den Klängen des Südens in Zydecos waren sie sicherlich eine der mitreißendsten Nummern des festivals.

Der "Grand Seigneur" des Jazz, Rod Mason, bildete aber letztlich den Höhepunkt und Magnet der Veranstaltung. Der Engländer, der auch mit den Legenden des Jazz, "Mr. Acker Bilk" und Chris Barber zusammen spielte, präsentierte unverfälschten klassischen Jazz der 1920er nach der Machart von Louis Armstrong. Wenn Mason zur Trompete greift oder wenn er seine rauchige Stimme ertönen lässt, dann ist man bisweilen versucht zu glauben, "Satchmo" selbst würde auf der Bühne stehen. Im Schlepptau hatte der Musiker, der in mehr als vierzig Jahren als Profi über 50 LPs einspielte, seine "Hot Five", von denen ebenfalls jeder für sich eigene solistische Qualitäten gehabt hätte, die aber zusammen mehr waren als die Summe ihrer Teile. Gemeinsam ließen sie Nat King Coles "Mona Lisa" auferstehen oder Williams "Royal Garden Blues": In autentischem Sound, der nur entstehen kann, wenn fünf Vollblutmusiker zusammenkommen, die ihr Herzblut an diese beschwingte Musik verloren haben.

Ein Musikereignis wie dieses, das muss klar sein, ist natürlich nicht ohne Sponsoren zu machen. In diesem Jahr war es die Sparkasse Hockenheim, die mit einem beeindruckenden Batzen Geld dieses Stück Kulturgeschichte überhaupt erst ermöglichte.


Dass sich diesbezüglich jeder Einsatz lohnt, stellten am Ende alle Musiker gemeinsam unter Beweis. In einer "Jam-Session" präsentierten sie gemeinsam große Titel der Jazz-Geschichte und mischten das Publikum am frühen Abend noch einmal richtig auf – und machten damit aus dem "New Orleans Musik Festival" ein wahres Fest.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.new-orleans-music-festival.de.