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Erschienen
Das MoMa in Berlin
08/2004
Ohne Frage ist es das kulturelle Event in Berlin: 200 der bedeutendsten Meisterwerke des 20.Jahrhunderts sind von New York, wo sie üblicherweise im Museum of Modern Art präsentiert werden, in die Bundeshauptstadt umgezogen.
Seit Februar stürmt das Publikum den von Mies van der Rohe geschaffenen Bau der Neuen Nationalgalerie – im Juni waren bereits mehr als 700.000 Besucher in der Exhibition. An Wochenenden mussten sie dafür bereits bis zu sieben Stunden Wartezeit in Kauf nehmen, bevor die "heilgen Hallen" betreten werden konnten. Darauf haben die Veranstalter mit Verlängerten Öffnungszeiten und "VIP-Karten" reagiert, die einen bevorzugten Eintritt gegen den fast dreifachen Eintrittspreis ermöglicht. Nette Zusatzfeatures: Mit einem SMS-Service kann man sich über die aktuelle Länge der Warteschlange informieren lassen und vor der Nationalgalerie Klapphocker mieten, "denen man bequem in der Warteschlange sitzen kann" – verrückte Welt.

Hat der Besucher den begehrten Einlass erhalten, hat er die in der Bundesrepublik wirklich einmalige Gelegenheit, eine ganze Reihe der bedeutendsten, vor allem aber der berühmtesten Kunstwerke zu sehen: Van Gogh, Modigliani, Magritte, Matisse, Picasso, Hopper, Dalí, Lichtenstein – die Liste der Künstler, die hier nur in Auszügen wiedergegeben wird und noch deutlich erweitert werden könnte, liest sich wie das "Who-is-who" der modernen Malerei. Genau an diesem Umstand, der den Reiz der Werkschau ausmachen mag, liegt auch die Achillesferse. Denn man mag nach dem Rundgang die Meisterwerke zwar gesehen haben, ein Kunstgenuss war es aber, egal ob mit oder ohne VIP-Karte, nicht.

Denn der Massenansturm verhindert zum Einen den notwendigen Abstand, der jedem Kunstwerk gebühren würde, der aber gerade für die Großformate wie Monets "Seerosen" unabdingbar ist, zum anderen auch die längere und intensive Betrachtung: In dichten Trauben rücken die Besucher den Bildern zu Leibe und mehr als ein kurzer Augenblick ist nicht erhaschen, bevor sich die nächsten Kunstinteressierten wieder ins Blickfeld schieben. Umberto Boccionis "Dynamik eines Fuáballspielers" beispielsweise verlangt aber etwas mehr Ruhe, ein ungestörtes langes Betrachten, das nicht von Vorbeihastenden unterbrochen werden darf. So erschließen sich Werke wie Legers "Drei Frauen" nicht mehr, als man auch im Katalog (absolute Empfehlung trotz stolzer 29 Euro) entdecken könnte: Erblicken ohne zu erfahren.

Was vor allem fehlt, ist der meditative Aspekt der Kunstbetrachtung. Nach sieben Stunden Wartezeit bis zum Einlass ist daran vielleicht auch nicht zu denken, doch der Ausstellung selbst fehlt die notwendige Ruhe und Muse. Unglaublich nervig dabei übrigens die "Audio-Führer", die allenthalben zu hören sind. eine tolle Idee dagegen die "MoManizer", junge Kunstkenner, die sich als "mobile Führer" betätigen und die Fragen der Besucher beantowrten können.

Ein großer Hemmschuh ist aber auch die große Masse an herausragenden Werken, die den Betrachter zu erschlagen vermag. Eine so bemerkenswerte Zusammenstellung würde eigentlich Tage in Anspruch nehmen – die meisten Besucher sind nach 90 Minuten wieder draußen.

Bedauerlich, dass passagenweise die Bilder zu dicht platziert sind: Die Braque-Matisse-Derain-Reihe ist ein gutes Beispiel dafür, wie man das Einzelwerk in Engen zwängen kann.
Im Gegensatz dazu wurde dem "Tanz I" des Avantgardisten Matisse der rechte Platz eingeräumt. Hier haben sich die Menschen niedergelassen, aufeinander geachtet, den befreienden Zauber des vierfarbigen Freudentaumels zugelassen und genossen.

Erstaunen bei zahlreichen Besuchern über die Formate: Dali hängt als Kunstdruck häufig extrem großformatig in den Zimmern, während Matisses "Tanz" viel zu selten in zweieinhalb mal vier Metern zu haben ist.

Alles in allem kann man feststellen, dass das eigentliche Interesse eines weit überwiegenden Teils der Besucher vorrangig auf der Revision längst zum kollektiven Gedächtniss gewordener Meisterwerke wie van Goghs "Sternennacht", den Exponaten Pablo Picassos und Dahlis "Beständigkeit der Erinnerung" lag. Dieser Wunsch ist legitim und er wird durch die Ausstellung hundertprozentig erfüllt – die Frage, ob der Kunst als solcher damit aber ein großer Gefallen getan wurde, muss jeder für sich selbst beantworten.



Weitere Informationen unter http://www.das-moma-in-berlin.de.