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Michael Rutschky
Erschienen
Wie wir Amerikaner wurden
Eine deutsche Entwicklungsgeschichte
11/2004
Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin
208 Seiten / € 20.-
Ein Buch über Deutschland, über Identität: Wer sind wir Deutschen eigentlich?

Michael Rutschky, ein Autor mit über sechs Dekaden Lebenserfahrung, geht der These nach, wie wir Deutsche Amerikaner wurden. "Interessant", denkt der Leser und erwartet ein Werk, das aus einer Synthese von geschliffener Sprache mit wissenschaftlich fundiertem Hintergrund bestehen sollte.

Der Autor ist nicht nur Literat sondern studierte Soziologie und Philosophie. Das Titelbild zeigt denn auch eine Collage des amerikanischen Seins: Dollarscheine, Cola, cool wirkende Jugendliche, Swingmusik und afroamerikanische GIs.

Der Anfang des Buches ist stark. Noch vor der Inhaltsgliederung zwei Texte mit assoziativer Verbindung zu Amerika. Einen von Ernst Schnabel aus: "Die Auswanderer" von 1944. Darin das Bildnis von New York, Ellis Island geprägt von Nässe, Kälte, Dunkelheit. Entgegengesetzt Erich Kästners Text aus "Notabende 45. Ein Tagebuch". Darin die Kindheitserlebnisse Vieler im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland. Die USA in Verkörperung eines Schokolade und Chewing-Gum spendenden Soldaten.

Was folgt ist ein Text, der wenig bist fast gar nichts mit dem Thema gemein hat. Das Webmuster ist einfach: Der Autor erzählt in biografisch/halbiografischer Weise Amerikareisen. Chicago, der Westen mit dem "Grand Canyon" und die Provinz. Dazu flicht er Personen mit Namen wie R. und D. ein, lässt sie manchmal vor dem Hintergrund einer USA-Reise über Deutschland sprechen, und mischt dazu grobmaschig billigen Imaginärsex älterer Herren welcher sich auf die einzige Dame D. konzentriert.

Aber wie wurden wir denn nun eigentlich Amerikaner? Über den Inhalt des Klappentextes geht es im Buch kaum hinaus. Es tauchen immer wieder schwarze, aus dem Panzer steigende, Kaugummi und Hershey-Bars verteilende Soldaten auf. Das allein ist zu wenig - zumal es sich dabei um absolut oberflächliche Assoziationen auf dem Niveau von "Kindergaaaarden" (wie Amerikaner sagen würden) handelt.

Eigene Gedankengänge sind selten; wenn sie einmal auftauchen, sind sie gewagt, können aber mit einem gewissen Schmunzeln gelesen werden. So schreibt Rutschky einen Verlgeich der Kontrahenten-Situation der Südstaaten mit den Nordstaaten im Sezessionskrieg im 19.Jahrhundert mit dem Kampf Hitler-Deutschlands gegen die USA im Zweiten Weltkrieg nieder, wobei Deutschland die Rolle der Südstaaten einnimmt. Als ob - wenn man sich als Rezensent dieses Schmankerl erlauben darf - ein direkter Weg von Scarlett O`Haras "Tara" zu J. R. Ewings "Southfolk Ranch" führen würde.

Bemerkenswert sind die über das gesamgte Buch verteilten Schwarz/weiß-Portraits von Personen, Städten und Alltagssituationen mit dazu gehörenden Legenden etwa folgenden Inhaltes: "Dies könnte ... sein". Die Fototexte ermüden genauso wie die vielen kurzen Gedankensprünge des Autoren, die er in Klammern setzt, um eine Art Gedankenappositionen darzustellen. Was zu Beginn des Werkes noch ganz süffig zu sein scheint, entpuppt sich als immer wiedekehrendes ermattendes Stilmittel.

War da noch was? Hillary Clinton. Der Philosoph und Literat Rutschky präsentiert mit einer gewissen Vorliebe die These, dass Frau Clinton, würde sie zur Präsidentin der USA gewählt, das gleiche Schicksal wie der wahre "König von Westdeutschland", John F. Kennedy, erfahren müsste. Es wäre beinahe zynisch zu schreiben: Abwarten.


Michael Rutschky Buch ist ein einziger Etikettenschwindel. Es hält nicht, was es im Titel und Untertitel verspricht. Warum wir Amerikaner wurden? Keine Antwort. Dies ist für einen Adornoschüler enttäuschend wenig. Ein Schlag für alle Fans des seeligen Adorno, der bekanntlich den Olymp der Kritik an der US- Amerikanischen Kulturindustrie fest im Griff hatte. Was bleibt ist ein Reiseroman mit einer Einführung in amerikanischer Literatur und Kunst sowie eine "Lucky Strikes" rauchende Imagination mit der Botschaft: Du kannst ein anderer werden.

Eine riesige Chewinggum-Blase. Schade.