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Erschienen
Klaus Hoffmann fliegt, "als wenn es gar nichts wär"
12/2004
"Ich habe mich so oft verloren, zieh von Ort zu Ort, nirgendwo bin ich zuhause, laufe vor mir selber fort" – im Titel "Eine Insel" bringt der Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann alles auf einen Punkt: Den Abend, die Karriere, das Leben. Ausführlicher erzählt er die Geschichte von Fluchten und Fliegen auf 306 Seiten in seinem neuen Roman "Der Mann, der fliegen wollte" (Ullstein Buchverlag, 20 Euro).

Mitte November war der Gefühlsarbeiter Hoffmann einmal mehr in Hockenheim zu Gast – diesmal nicht wie zuletzt vor fast auf den Tag zwei Jahren in der Stadthalle, sondern im gemütlichen, vertrauten Kreis des Kulturzentrums "Pumpwerk". Natürlich hätte er auch die Halle spielend gefüllt, doch mit diesem Abend hat er den Rennstädtern ein Geschenk gemacht – und vielleicht auch dem Kulturmanager Lothar Blank, bei dem er sich ganz ausdrücklich bedankte. Auftritte wie diesen erlebt man selten: Hautnah, ganz intim, ganz zwischenmenschlich und ganz persönlich ging Hoffmann mit seinem Publikum auf Tuchfühlung, löste die Grenzen auf zwischen bühnenreifem Protagonisten und sonst oft eher passiven Zuschauern – jeder der Gäste, die das "Pumpwerk" bis zum Platzen füllten, war ein Teil des Programms, jedes Niesen Anlass für Kommentare, ein unvermittelter Lacher plötzlich Hauptakteur.

Eigentlich hatte Hoffmann ja im Rahmen seiner Lesereise Station gemacht, hatte sein neues Buch vorstellen wollen, doch in dieser ganz besonderen Atmosphäre unterstrich er mehr als vielleicht beabsichtigt die autobiographischen Züge des Entwicklungsromans. Hoffmann selbst ist ein Mann, der fliegen will – und der es immer wieder tut. Einer, der sich in den Welten der ganz großen Gefühle nicht nur selbstsicher bewegt, sondern der auch hin- und hergeworfen wird. Vor allem aber ist er einer, der die tiefsten Emotionen in Worte und Töne fassen kann, damit alle Welt sie versteht: "Melancholia" und "Insellieder" sind die beiden jüngsten und besten Beispiele für das Auf und Ab des von seinen Fans fast abgöttisch geliebten Liedermachers.

Mit "Der Mann, der fliegen wollte" bleibt Hoffmann nun stehen, wendet den Blick zurück zu den Wurzeln, setzt sich – bei aller Fiktion des Romans - mit seiner Kindheit auseinander, die für ihn weit mehr war als eine Vorstufe zum Erwachsensein: Der Schlüssel zu allem liege in der Kindheit. Zweieinhalb Stunden lässt er Raphael Engelmann an der Stelle des kleinen Klaus noch einmal die Nachwehen der Nazizeit erleben, schickt ihn auf die abenteuerliche Reise durch ein vor allem auch gefühltes Leben, das all die Jahre beschattet wird vom unverarbeiteten Tod des Vaters, den er – um ihn am Leben zu erhalten – einfach kopiert. Die Krisen, die Höhenflüge, das Scheitern, alles zentriert sich auf diese emotionale Lebenslüge, die sich erst auflöst, als Engelmann den Clown Kroll als Archetyp des Vaters trifft; dessen plötzlichen Tod lernt er zu betrauern – und damit auch den Tod des übermächtigen Vaters.

In geschickt ausgewählte Lesungen aus dem beeindruckenden Entwicklungsroman bettete Hoffmann bekannte und neue Lieder, untermauerte die literarische Katharsis mit poetischen aber auch sehr deutlichen Worten, ließ die "Tage der Ente" im rasant verfallenden Berlin ausbrechen, stellte lapidar fest, "Man vergisst nichts" und brachte all die Heuchelei in seiner Umgebung auf den Punkt: "Was fang ich an in dieser Stadt".

Von der ersten Minute an konnte man im Hockenheimer Musentempel den besonderen Zauber spüren, den Hoffmann mit beeindruckender Sicherheit zu versprühen versteht: Gebannte Zuhörer wurden begeisterte Mitsänger, gespanntes Lauschen wechselte sich ab mit völlig unbeschwertem Lachen – all das vermag der inzwischen auch optisch reif gewordene Mann auf der Bühne, der am Flügel und an den Keyboards von Hawo Bleich unterstützt wird, in einer Leichtigkeit hervorzulocken, "als wenn es gar nichts wär".


Einmal mehr hat Klaus Hoffmann einen Blick in seine Seele gestattet, einmal mehr hat er sein Publikum, das ihm auch nach den Zugaben noch minutenlangen Beifall in die Garderobe hinterher schickte, verzaubert, noch einmal hat er einen Traum ermöglicht, der die Wirklichkeit in ein gleisendes, aber auch in ein wärmeres Licht zu stellen vermag: "Heut Nacht hast Du noch mal den Traum geträumt davon ein Kind zu sein".



Weitere Informationen im Internet: http://www.klaus-hoffmann.com.