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Jan Putfarcken
Erschienen
Jazz Portraits
12/2004
Nieswand Verlag, Kiel
EURO 25,-
Wenn die Augen das Fenster zur Seele sind, dann sind Gesichter die Fassade um diese Fenster herum. Und weil Augen wesentlich seltener renoviert werden als Fenster, haben unsere Fassaden dieselbe Geschichte und können Bände über die Besitzer der Augen erzählen.

Da sollte man meinen, besondere Menschen müssten besondere Gesichter haben. Und Jazz-Musiker sind sicherlich besondere Menschen. Virtuos mit ihren Instrumenten, sei es die eigene Stimme oder ein Klavier, ein Schlagzeug oder ein Saxofon.

Ob diese Menschen wirklich besondere Gesichter haben, kann man in dem kleinen Band „jazz portaits" erfahren. Knapp 100 Gesichter berühmter Jazzer sind hier abgebildet. Die zusätzlichen Informationen sind spärlich. Gerade mal Namen, Geburtsdatum und wenn nötig Sterbedatum sowie die Instrumente werden aufgeführt. Eine Seite also mit einigen Buchstaben, fast karg - vielleicht unterkühlt. Das lässt dem dazu passenden Gesicht auf der gegenüberliegenden Seite viel Platz. Hier weiß und leer, dort eine Landschaft. Mal jung, mal alt - auf den ersten Blick vielleicht langweilig. Aber sicher nicht lange. Art Blakey lächelt wissend, ein langes und sicher wechselhaftes Leben hinter sich. Carla Bley erschreckt zuerst mit ihrem harten Blick. Das Kinn vor der Stirn, die Haare wie ein Rebdach unter dem die Augen wie aus einem geschützen Bereich den Betrachter mustern. Dann wandert der Blick den Lippen entlang zu tiefen Falten um die Mundwinkel. Aussagestark. Mit jeder Sekunde gewinnt das Gesicht an eigener - besonderer Schönheit. Nur mit Mühe blättert man weiter. Dann der erste Deutsche. Peter Brötzmann hat einen bedächtigen Blick. Vielleicht ein wenig zu viel Schwermut in diesem kräftigen platten Oval seines Gesichts. Kurze Haare und ein kräftiger Bart.

So geht es weiter, Gesicht um Gesicht. Langsam beginnt man, die Unterschiede in den Gesichtern leichter zu erkennen. Zu sehr ist die Wahrnehmung im Alltag von Kleidung oder anderen Sensationen wie Lärm oder aufdringlicher Werbung dominiert. Diese Sammlung von Portraits eröffnet dem Betrachter die alte Welt der Visagen. Dafür sollte man sich Zeit lassen. Nicht nur bei Jazz-Musikern. Auch bei Nachbarn, Familienangehörigen und sogar bei Politikern.

Jazzer sind besondere Menschen. Gesichter sind immer besonders, egal, welches Instrument sie spielen können. Manche Gesichter sind sogar Instrument und einige wenige können auf ihm ebenso virtuos erzählen, wie es Albert Mangelsdorf mit seiner Trombone tut. Die Gesichter dieses Bandes machen das ohne Intention oder Werbeaussage. Einfach nur die Visitenkarte des Menschen, der nur für sich und nicht für eine Versicherung wirbt.

Seltsam, wie schnell gerade die einfachen Sachen zum Nachdenken anregen. Vielen Dank für diesen Denkanstoß, besonders wenn er so gut verpackt daherkommt wie dieses Büchlein.

Im grauen Leinenkarton steckt das knallblaue Buch im quadratischen Format. Das fasst sich gut an und sieht gut aus. Ist der Einband nicht auch das Gesicht eines Buches? Hier ist der Inhalt eine ehrliche Seele, einfach und vielsagend. Sympathisch von der ersten Sekunde an, würde man sich nur diese Sekunde wirklich Zeit lassen.


Nach einigen Gedanken ist dieses Buch eine Anklage gegen Hektik und Oberflächlichkeit – aber eine verdammt gut aussehende.