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Erschienen
Neue Ideen in großen Geistern auf sechs Saiten
12/2004
Die Bühnen der Welt sind seine Heimat und doch macht er immer wieder Station in der Rennstadt – Claus Boesser-Ferrari, der Ausnahme-Gitarrist aus Laudenbach genoss auch Mitte November die besondere Atmosphäre im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" sichtlich, als er die 9. Internationale Gitarrennacht über die Bühne gehen ließ. Wo sonst macht ein Michael "Volli" Vollendorff den Sound, wo sonst ist man mit seinem Publikum auf Du und Du und wo sonst kann man treuere Fans mit offeneren Ohren auch für das Neue und Unerprobte finden?

Boesser-Ferrari, der eben erst von Musiktheaterproduktionen aus Zürich und einer US-Tournee zurückgekehrt ist, braucht in unseren Breiten nicht weiter vorgestellt werden: Der exzentrische Musiker mit der grauen Mähne ist im interantionalen Musikbiz eine feste Größe, die er mit immer neuen experimentalen Ausflügen in Gefielde, die dem Normalmenschen weit außerhalb der Gitarrenmusik vorkommen mögen, zu verteidigen versteht. Diesmal präsentierte er sein zu explosiven Pickings geselltes Reiben, Kratzen und Klirren unter anderem aus einer Baseler Theaterproduktion zum tragischen Leben des Polarforschers Robert Falcon Scott und aus einem aus dem Warschauer Ghetto stammenden Motiv. Der Scott-Soundtrack ist ein Paradebeispiel für Boesser-Ferraris Musiksprache, die nur noch wenige tonmusikalische Einsprengsel in einen Teppich aus Klopfrhythmen vorsieht; beim letztgenannten Stück dagegen findet er einen fast ungewöhnlich sanften und unverblümten Einsatz ins Thema, das er dann in seine eigene Sprache übersetzt und interpretiert.

Bei den Gitarrennächten hat Claus Boesser-Ferrari inzwischen eine Gastgeberrolle gefunden, die den eigenen Beitrag etwas in den Hintergrund stellt. Diesmal hatte er mit dem italienischen Gitarristen Giovanni Palombo einen Seelenverwandten und mit dem Dresdener Gitarrenduo "Naßler & Schneider" zwei bekannte und beliebte musikalische Freigeister mit an Bord.

Palombo, den Boesser-Ferrari in Rom bei einem Festival getroffen und sofort auf seine Gitarrennacht-Gästeliste setzte, ist wie der große Meister selbst ein begnadeter Klopfer, wobei er sich deutlich näher an den Saiten hält, wo er mit fein gewebten Mustern seine Musik gestaltet. Dabei pflegt er einen Sound, der nicht so sehr aus sauberen Einzeltönen generiert wird, sondern aus einem vielschichtig aufgebauten Geflecht aus Hauptklang und nur scheinbar unbeabsichtigten Nebengeräuschen, wobei die Töne längst verschwommen sind zu einem großen Ganzen.

Mit seinen halsbrecherischen Mischungen aus fein gemaserten Forti und nur noch angedeuteten Pianissimi hat er sich in seinem Heimatland in die erste Garde der Saitenkünstler vorgearbeitet und auch beim Hockenheimer Publikum gelang ihm ein beeindruckend gelungener Start.

Wenngleich man unumwunden feststellen muss, dass die eigentlichen Stars des Abends Jörg Naßler und Silvio Schneider hießen: Mit einer wirklich beeindruckend perfekten Technik, mit ganz herausragend eigensinnigen Rhythmen und einem raffiniert wirkenden Einfallsreichtum haben sich die beiden längst an die Spitze der deutschen Gitarrenszene herangearbeitet. Dabei ist das nicht nur der brillante Fingerfertigkeit der beiden Top-Musiker zu verdanken, sondern vor allem ihrer unbeschreiblichen Fähigkeit, beim Publikum das ganz große Gefühl zu erzeugen. Bis auf einen kleinen Percussions-Set, den Naßler selbst bedient, verzichten die beiden dabei auf alles, was nicht auf sechs Saiten passt. Dort aber toben sie sich nach Herzenslust aus, in wechselnden Rollen, in allen Stilen und in immer neuen Gewändern: "Es darf sich jeder ein eigenes Bild davon machen, wie er das nennen würden – wir wissen es nicht". Tatsächlich lässt sich das Duo stilistisch in keine Schublade stecken, zu breit ist die Palette der musikalischen Einflüsse, von denen mit Flamenco, Latin, Pop, Rock und Jazz nur wenige Hauptvertreter genannt sind. Ein Beispiel für ihren unerschöpflichen musikalischen Sprachenreichtum gaben sie an diesem Abend mit einer "multilingualen Übersetzung" des Chorals "Jesu meine Freude" (Johann Sebastian Bach, BWV 227): Nach der Vorstellung des Hauptmotivs verschränkten sie die einzelnen Läufe, um die alte Kirchenmusik in moderner Sprache beispielsweise des Freestyle und der südamerikanischen Musik Wiederauferstehung feiern zu lassen.

Im zweiten Teil des rund dreistündigen Programms stellten sie dann unter Beweis, dass sie auch ruhige Musik gelernt haben: "Born in the rain" entführte mit einem in sanften Farben gemalten und mit großer emotionaler Präsenz ausgestatteten fein geschliffenen Tongemälde in ein Naturidyll beim kleinen Inselstädtchen Born.


Wenngleich der herausragende Genius eines jeden der vier Musiker des Abends beim Tutti am Ende des Konzerts nicht mehr zum Vorschein gebracht werden konnte, so markierte die Neuinterpretation des Sting-Klassikers "Roxanne" doch einen Ausgang, der den besonderen Reiz und die herausragende Qualität der Gitarrennächte zu unterstreichen vermochte: Hier wird Musik gemacht, die neue Ideen in großen Geistern zu transportieren versteht.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.nassler-schneider.de, http://www.giovannipalombo.com und http://www.boesser-ferrari.de.