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Erschienen
Stadtkapelle glänzt beim Jahreskonzert als topfittes Orchester
12/2004
Seit vielen Jahren markiert das Jahreskonzert des "Orchestervereins Stadtkapelle Hockenheim" den Höhepunkt im musikalischen Schaffen des traditionsreichen Musikvereins, der seit über 125 mit Volks- und Blasmusik, in den letzten Jahren vermehrt auch symphonischer Blasmusik, eine feste Größe im Kulturleben der Rennstadt markiert. Beim diesjährigen großen Auftritt Mitte November in der Stadthalle wurde in der langen Serie bemerkenswerter Konzert nicht nur ein neuer Meilenstein gesetzt; gleichzeitig ging damit zumindest offiziell eine Ära zu Ende, in der die Stadtkapelle wie sicherlich kaum einmal zuvor in eine neue Marschrichtung gelenkt wurde: Vor einer bis auf ganz wenige Plätze voll besetzten Stadthalle schwang Rüdiger Müller zum letzten Mal den Taktstock über ein Orchester, das gerade in jüngster Zeit mehr als alles andere "sein" Orchester wurde (eigener Bericht).

Den Auftakt machte wie seit Jahren das Jugendblasorchester unter der Leitung Tobias Nessels. Die dreißig jungen Musiker, die fast ausschließlich aus der ganz bemerkenswerten Jugendarbeit des Orchestervereins selbst hervorgegangen sind, glänzten mit dem Marsch zu Mozarts Posthorn-Serenade, KV 320, mit der sonst traditionell die Salzburger Festspiele eröffnet werden, einem Arrangement des amerikanischen Komponisten William Himes zum Spiritual "Joshua fit the battle of Jerico" und einem Medley aus Leonard Bernsteins Welterfolgsmusical "West Side Story".

Dabei gönnte Nessel jeweils dem Schlagwerk viel Raum, schaffte damit einen breiten, wuchtigen Sound, der fulminante Schlusspunkte hinter teils martialischen Hauptthemen ermöglichte. Dabei hatte der 25-jährige Dirigent, der im kommenden Jahr sein Schlagzeug-Studium an der FMW Frankfurt abschließen wird, ein beeindruckend homogenes Orchester beieinander, das sich sowohl in ruhigen Passagen zu disziplinieren, als auch in Fortissimi auszuleben verstand. Allenfalls die – zumeist klassisch angelegten – Stücke der "West Side Story" machten mit lange liegenden Tönen und nur nuancenhaft variierten Harmonien ihre Schwierigkeiten.

Perfekt dagegen der Billie-Holliday-Gassenhauer "God bless the child"; hier gesellte sich zum bravourösen Bigband-Sound des Jugendorchesters die biegbare, viel natürlichen Reiz ausstrahlende Stimme der Schwetzinger Sängerin Julia Rivas. Die 22-jährige Studentin steuert sonst die Vocals zum "Delicious Club Sound" des Projekts "New York Sunday Brunch" bei – wenngleich ihre Stimme keinen allzu schwarzen Charakter aufweist, verlieh sie dem großartigen Werk der mit Ella Fitzgerald auf einer Stufe stehenden Holiday doch einen außerordentlichen Charme.

Nach der Pause dann "Music for a festival" im wahrsten Sinne des Wortes. Die rund 40 Instrumentalisten des Orchestervereins brachten dabei nicht nur das brillante und optimistische Werk des Briten Philip Sparkes zu Gehör, sondern überzeugten daneben mit John Williams "Far and away" und einem Auszug aus dem Levay/Kunze-Musical "Elisabeth".

Der Orchesterverein, der inzwischen technisch absolut lupenreine Musik zu machen versteht, hat längst ein spürbares Eigenleben und einen eigenen Charakter entwickelt. Dabei hat der Klangkörper sich von der Reproduktion weitgehend entfernt und sich nun statt dessen die Interpretation auf die Fahnen geschrieben. Damit einher geht ein jugendlich-frischer Sound und die Bereitschaft auch zu schwieriger, neuer, moderner Literatur.

Darüber hinaus können einzelne Register inzwischen durchaus auch eigenständige Leistungen vorweisen. So verzichtete man zu Sparkes "Overtüre für Holzbläser" auf Blech und Schlagwerk, um die zartesten Instrumente noch einmal speziell hervorzuheben. Auch wenn diese im ganzen Konzert nicht eben zu kurz gekommen waren, will doch jetzt im Nachhinein kein Zuhörer mehr auf das zartschmelzende Stück mit seinem Liebreiz und den fast koketten Passagen verzichten.

Das Saxophon-Ensemble (Johanna und Matthias Rothe, Manuel Steegmüller, Birgit Haak) demonstrierte mit zwei Klassikern ganz ohne Dirigenten swingy Sound vom Feinsten.

Höhepunkt des Konzerts aber ohne Zweifel das "Euhonium Concerto" des 1926 in Wien geborenen Komponisten Joseph Horovitz. Als Solist machte Thomas Treutlein seinem Instrument, das eigentlich schlicht "wohlklingend" heißt, alle Ehre. Treutlein, der 1984 im Alter von zehn Jahren bei der Stadtkapelle an der Trompete begonnen hatte, spielte zwischenzeitlich auch Tenorhorn und Posaune und bereicherte unter anderem das SAP-Symphonieorchester und die Mannheimer Bläserphilharmonie.

Horovitz Werk spielte er genussvoll aus, wobei er es verstand, jedem Ton auch Botschaft mitzugeben. Ihm gelang dabei, was Ziel eines jeden Künstlers sein muss: Seine Zuhörer zu berühren. Das galt insbesondere im zarten Zusammenspiel mit Gabriele Christ (Oboe) im Adagio.


Das Jahreskonzert 2004 hat – bei aller Rührung, die der Weggang Rüdiger Müllers nicht nur bei den Musikern, sondern auch bei einem beachtlichen Teil des Publikums auslöste – unter Beweis gestellt: Hier wird ein topfittes Orchester in neue Hände übergeben.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.stadtkapelle-hockenheim.de.