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Erschienen
„Mardi Gras“ schafft das Unmögliche: Hockenheim tanzt!
01/2005
Wo sie auftreten, da gibt es üblicherweise kein Halten mehr: Mit einem fulminanten Bläsersatz, der den gesamten, insgesamt aber unglaublich vielschichtigen Sound der Band, die Anfang Dezember den Opener zu den diesjährigen Jazz- und Bluestagen im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" machte, dominiert, kann die ursprünglich aus Mannheim stammende "Mardi Gras Blues Band" selbst die hartnäckigsten Nichttänzer zu ausgelassenen Fred Astaires machen.

So brodelte denn auch im Hockenheimer Musentempel einmal mehr der Saal, als die Formation sich um "Sensemaker" Uli "Reverend" Krug und dessen Sousaphon versammelte, um dem Brass-Blues in seiner ursprünglichsten und eigentümlichsten New-Orleans-Form zu huldigen. Doch was die Jungs, deren Bild vom mächtigen Schalltrichter des einstigen Bandgründers und den Schiebermützen der behosenträgerten Musiker geprägt wird, machen, das ist weitaus mehr als bloße Repetition – sie erfinden den klassischen Brass völlig neu. Da mischt sich eine Gitarre zum wild ekstatisierenden Basssaxophon des aus Speyer stammenden Halbgotts am Blatt, Lönsch "Le Mans" Lehmann, der aus dem Instrument die ungewöhnlichsten Töne herauszupressen versteht. Da verschiebt die Reibeisenstimme des Frontmanns "Doc" Jochen Wenz das ganze in eine Richtung, die irgendwo zwischen Tom Waits und Dr. John zu suchen wäre: Es ist bisweilen weniger singen, als ein frenetisches Einwerfen, wenngleich Wenz dann schon im nächsten Song wieder weitläufige Geschichten zu erzählen versteht. Zu diesem ohnedies schon an nackten Wahnsinn grenzenden Grundpaket gibt dann die bessere Hälfte der "Hinterachse des Bösen", "Dr." Erwin Ditzner, einen satten Percussion-Style dazu, der aber nicht – man ist schließlich nicht vom Establishment – von einem Schlagzeug, sondern von einer Base und zwei Snares kommt. Dazu mischt sich – als Beitrag zur Zukunft Europas – DJ Mahmut mit Scratches und tatsächlich etwas skurrilen Tönen am Plattenteller.

Aber das ist eben, was die Mardi Gras.BB ausmacht: Immer neue Künstler gesellen sich um die Doppelspitze Krug/Wenz, immer neue Sounds entstehen bei den im ewigen Experimentierstatus gehaltenen wechselnden Formationen – das gibt immer wieder Input und verhindert vorzeitiges Vergreisen.

So griff diesmal der "Graf von Reilingen" Christian Ehringer an der Trompete auch gerne mal zum WC-Pümpel als Dämpfer – was soll all der moderne Schnickschnack?!

Auf diese Weise entsteht ein Sound, der in seiner Urwüchsigkeit direkt aus dem Mississippi-Delta zu stammen scheint und dessen mitreißendem Drive sich kaum einer entziehen kann.

Mit der Mardi Gras Blues Band war wieder einmal eine Truppe im "Pumpwerk" zu Gast, die zu recht den ganz besondere Ruf dieses Hauses in immer neue Sphären treibt. Damit haben die Jazz- und Bluestage, die vor Jahren mit einem kleinen, deutlich elitär wirkenden Dutzend Zuhörern als so etwas wie "Publikum" anfingen, einmal mehr ihr inzwischen bemerkenswert gutes Standing unterstrichen: Wo man früher noch den ganzen Saal mit Tischen zupflastern musste, um die dürftige Resonanz zu kaschieren, da drängte sich heuer das Publikum, um teilzuhaben an einem ganz besonderen Musikereignis.


Wenn solche Musiker Station machen, dann ist nicht nur der ungehemmte Ruf nach immer neuen Zugaben gesichert. Nein, dann gelingt – mit allergrößtem Einsatz, zu dem sich die Jungs auf der Bühne aber ohne Einschränkung zu verströmen bereit fanden – auch das eigentlich Unmögliche: "Hockenheim tanzt".