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Erschienen
Funny Cuts
01/2005
Comics sind Kunst – so weit wollte dann doch keiner der Verantwortlichen gehen, als am 3. Dezember 2004 die Ausstellung „Funny Cuts" in der Staatsgalerie Stuttgart eröffnet wurde. Die ca. 100 Werke demonstrieren vielmehr den Einfluss der Comics auf die bildende Kunst. Doch einige Bilder scheinen geradezu nach dem diesem Text einleitenden Satz zu schreien. Roy Lichtenstein kennt jeder, und sei es aus einer alten Werbung einer deutschen Haarproduktserie, die den künstlerischen Diebstahl des Amerikaners zur Kaufförderung und somit zu seiner kommerziellen Ausgangsbestimmung des Originals zurückführte. Doch Roy Lichtenstein ist Kunst und somit ohne Nachfrage museumstauglich. Die Frage nach dem Wertgefälle zwischen Kunstwerk und Inspiration, also dem Comic, liegt vielfach in der Bearbeitung der Quelle. Dabei geriet Roy Lichtenstein vielfach unter Kritik, da er mit seinen Bildern das Comic-Panel aus seiner narrativen Umgebung herausriss. Dennoch lenkt ein Werk wie „From the S/M Series" von Angela Bulloch mit seinen auf Soundwords beschränkten Panels den Blick wieder auf die Seiten der Comics. Da kommen Assoziationen an die Abenteuergeschichten von Jaques Tardi auf. Auch der Franzose hat sich des Öfteren schwarzer Bilder mit Soundwords bedient. Aus finanzieller Sicht hätte er seine Bilder lieber ohne Geschichte veröffentlicht - Kunst wird besser bezahlt als Comic. Doch zurück zu der Ausstellung. So wie der Comic ein Bindeglied zwischen bildender Kunst und der Massenunterhaltung sein könnte, so könnte „Funny Cuts" ein Bindeglied zwischen Kunstpublikum und neunter Kunst, wie der Comic auch bezeichnet wird, werden. Platz fände sich im Museums-Shop sicherlich, nur benutz wird er zur Präsentation von künstlerischen Comics wie zum Beispiel dem Magazin Strapazin leider nicht.

Dabei wurde bei der Eröffnungsrede durch Ausstellungsleiterin Alessandra Nakas ausführlich auf die Geschichte der Bildergeschichten eingegangen. Ignoranz gegenüber dem Comic kann man den „Funny Cuts"-Machern nicht vorwerfen. So wurde der Berliner Comiczeichner Uwe Heinelt beauftragt, einen Ausstellungsführer zu konzipieren. Herausgekommen ist eine 40 seitige runde Sache. Und das im Sinne des Wortes, denn „Mit Lolle durch die Ausstellung Funny Cuts" ist rund und am Kopf gebohrt und verschraubt. Ein nicht einfaches Format, wie auch Staatsgalerie Direktor Prof. Dr. Christian von Holst während seiner Rede feststellen durfte, es fiel vom Rednerpult nicht gehalten zu Boden. Die Lacher im Publikum passen da wie bestellt zum „Funny" Teil des Ausstellungstitels.

Aber jeder, der sich mit den Exponaten oder dem Comic an sich beschäftigt weiß, Comics sind nicht hauptsächlich komisch. Die Installation „No Ghost just a Shell" kann bewegen, wenn man der animierten Computerfigur im Manga-Style bei ihrer Reflexion über ihr Sein zuhört. Auch Spiegelmans Aufarbeitung einer jüdischen Leidensgeschichte im Hitlerdeutschland taucht als Panelvergrößerung im lichtensteinscher Art als „Maus" von Wilhelm Sasnal auf.

Doch warum muss Comic immer wieder mit „Lustig“ beworben werden und warum ist der Ausstellungsführer aus Comiczeichner Hand explizit für die Jugendlichen gedacht?

„Funny Cuts" ist ambivalent. Die Schau spielt mit der klassischer Missinterpretation des Mediums Comic und der Würdigung der sequenziellen Kunst.

War es da Absicht, die Vernissage mit einem sehr sequenziell komponierten Musikstück von Frank Kroll und Patrick Bebelaar eröffnet wurde? Der Gedanke liegt nahe, denn durchdacht ist die Ausstellung sichtlich. Natürlich liegt der Schwerpunkt der Exponate bei von amerikanischen und asiatischen Comics beeinflussten Arbeiten, sind doch diese beiden Märkte die bei uns Bekanntesten. Aber die Vielfalt des Gezeigten beeindruckt Kunst- wie Comic-Freunde. Und das Comics angenehm anzuschauen, unterhaltend aber auch provozierend und kritisch sein können bemerkt man, da auch die Ausstellungsstücke genau dieses sind: Hingucker und Denkanstöße.

Kunst als Möglichkeit, seine eigene Situation im Spannungsfeld zwischen Kunstverständnis und trivialer Kindheitserfahrung zu begreifen – und damit den Blick für die erwachsene Bilderwelt voller Unterhaltung, Gesellschaftskritik und grafischer Handfertigkeit zu eröffnen – „Funny Cuts" öffnet Blickwinkel.

Funny Cuts

4.12.2004 – 17.04.2005

Jeden Donnerstag Führung

Zur Ausstellung finden mehrere Veranstaltungen statt, weitere Infos unter www.staatsgalerie.de

Der reich bebilderte Ausstellungskatalog ist für 24,- € in der Staatsgalerie oder über die Internetseite www.staatsgalier.de bestellbar.

Der Kurzführer von Lolle-Zeichner Uwe Heinelt kann dort für 6,- € erworben werden.


Muss man gesehen haben! Wir empfehlen die Führungen jeden Donnerstag.

Hier noch ein paar Audios:
Die Eröffnungsrede des nach Finanzen suchenden Staatsgalerie Direktors Prof. Dr. Christian von Holst
Eine kurze Geschichte des Comics von Kassandra Nakas
Sequentielle Musik zu sequentieller Kunst von Frank Kroll und Patrick Bebelaar