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Erschienen
Mondkanone und Himmelsleute statt NASA und ESA: Peterchens Mondfahrt in Hockenheim
01/2005
Es ist eine Geschichte, wie sie besser zu Weihnachten kaum passen könnte: Ein Märchen von braven Kindern, die mit Mut und einiger Hilfe ein Wunder vollbringen, das eigentlich nur ein Traum sein kann.

Klingt nach einem der "Weihnachtsfilme" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Ist aber in Wirklichkeit die Essenz aus Gerdt von Bassewitz Märchen "Peterchens Mondfahrt" – und das ist immerhin schon mehr als 90 Jahre alt.

Aber beliebt wie eh und je: Mitte Dezember füllte die Geschichte um den armen Maikäfer Sumsemann an zwei Vorstellungen die Stadthalle mit fröhlichem Kinderlachen – erst am Freitag in einer Sondervorführung für die Schulen und Kindergärten, dann am Samstag Nachmittag noch einmal für alle Kinder. Aber was gab es da zu sehen? Um Hockenheim scheinen gar nicht so viele Kinder zu wohnen – dafür umso mehr kleine Sternchen. Um noch tiefer in die Geschichte einzutauchen und um selbst mit von der Partie zu sein, hatten sich die Kinder in kleine glitzernde Sterne verwandelt: Als Haarschmuck, um den Hals, als "Sternenzepter".

Schließlich wollten sie alle Peterchen und seiner Schwester Anneliese auf ihrer gefährlichen und beschwerlichen Reise auf den Mondberg helfen.

Aber von Anfang an: Vor Urzeiten, so erzählt es der liebe Opa den Kindern, hat ein Holzdieb bei seinem Klau einem Maikäfer eines seiner sechs Beine abgeschlagen. Mehr versehentlich, aber das Beinchen ist – zusammen mit dem Tunichtgut – seinerzeit von der Fee der Nacht auf den höchsten Gipfel des Mondbergs verbannt worden; und alle Maikäfer haben fortan nur noch fünf Beinchen. Was tun in dieser misslichen Lage, wenn weder NASA noch ESA zur Hand sind? "Zwei freundliche Kindchen musst Du finden", die noch nie ein Tier gequält haben, so der Auftrag der Nachtfee.

Generationen später finden sich in Anneliese und Peterchen, einem Geschwisterpaar, die zwar zueinander "wie Katz und Maus", im Herzen aber gut und fröhlich sind, endlich zwei Mutige, die den Maikäfern helfen wollen. Auf dem langen Flug zum Mondberg treffen sie auf die Sternchen Saturno, Jupinchen und Pluto, werden vom Sandmann unterstützt, der sie bei einem Fest bei der Nachtfee auch der illustren Gesellschaft der Himmelsleute vorstellt: Donnermann, Hexe Blitz, Wolkenfrau, Regenfritz, windliese, Eismanx und Frau Holle helfen den Kindern. Denn auch nach einem "Höllentrip" mit der Mundkanone müssen sich die beiden Kurzen mit dem bösen Mondmann, wie sich der Holzdieb seit seiner Verbannung nennt herumschlagen – und der will sie immerhin fressen. Gemeinsam mit den Naturgewalten schlagen sie den Bösewicht in die Flucht, kleben dem Sumsemann sein Beinchen wieder an und kehren in ihre Betten zurück. Am nächsten Morgen bleibt die Frage, ob denn nicht doch alles nur ein Traum war – aber jeder kann ja selbst nachzählen: Maikäfen haben sechs Beinchen, also muss es ja wohl wahr sein!

Wie ein Traum auch die Kindermusical-Inszenierung des "Theater auf Tour": Ein ganz bezauberndes Bühnenbild kombiniert das Ensemble mit einfallsreichen und phantasievollen Kostümen und mancher technischen Finesse. Immerhin geht es viel ums Fliegen und das ist bekanntlich auf Bühnen nicht immer ganz einfach umzusetzen. Also hat das Theater eine drehbare eigene Bühne gebaut, in der nicht nur Fliegen realisiert werden kann, sondern auch noch ein "Bild im Bild", das Träume und Rückblenden erlaubt. Keine Grenzen also für phantastische Märchenreisen.

Deutlich hinter der Ausstattung und dem Können der Schauspieler, die ganz offenbar mit größter Freude ans Werk gehen, bleibt bedauerlicherweise die Musik zurück; Heike Beckmanns musikalische Umsetzung verkümmert doch meist eher zu einem zwar bemühten aber seichten Gedudel. Mit herausragenden Leistungen auch sängerischer Natur treten aus dem Ensemble Maya Nikolic als Anneliese und vor allem in einer arienhaften Partie als Sonne und Christian Härtig als Sandmann und als beeindruckender Eismax hervor: sie Sopranistin mit klarer, reiner Stimme mit einer fas ätherischen Höhe, der Tenor mit einem schlanken, lyrisch gefärbten Tonkorpus.

Die Aufführung war - bis auf die etwas drastische Darstellung des allesverschlingenden Mondmannes, der einige kleine Besucher weinend in den vorzeitigen Abflug schickte – nicht nur kindgerecht, sondern geradezu eine Entfesselung junger Phantasien. Das sollte Kindertheater erreichen, dass eigene Träume, eigene Reisen, eigene Welten in den Gedanken auferstehen können.


So könnte man das Schlusslied gleichsam als Hymne des "Theater auf Tour" ansehen: "Doch eins ist klar, vergesst es nie: Vieles geht nur mit Phantasie".