2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Die große Kunst in der Kleinkunst: Bernhard Bentgens und die Nachtigallen im Pumpwerk
01/2005
Es ist eine Zeit des Wartens, dieser Advent und wenn man schon so lange auf den Herrn warten muss, dann ist man um solche Erfindungen wie den Glühwein froh. Und natürlich um Abende wie den, den das Publikum Mitte Dezember im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" erleben durfte. "Wenn sie auf der Suche nach schwermütiger Poesie, dröger Theorie oder böswilliger Infamie sind, dann sind sie hier falsch", so der Musiker, Komponist, Poet, Clown und Dirigent Bernhard Bentgens, der an diesem Abend endlich für das Einsetzen einer "Weihnachtsgänsehaut" sorgte und damit ohne jede Zweifel der Star des Abends wurde.

Und das, obwohl mit den "Nachtigallen" eine in unserer Region weithin bekannte und vor allem geliebte Formation mit von der Partie war: Die kleine Truppe um Drummerin, Songwriterin und Gitarristin Jutta Werbelow (Martin Haaß, Gitarre und Gesang, Rolf Schaude, Gitarre, Gesang, Didgeridoo) covert Lieder von den Beatles, den Stones, Bob Dylan oder John Travolta. Dabei verliert sie zwar nie die Originale aus den Augen, drückt ihren eigenen Interpretationen aber einen so markanten und individuellen Stempel auf, dass man durchaus zu recht von eigenen Stücken sprechen könnte.

Bei ihrem Auftritt in Neulußheim vor wenigen Wochen wurde den "Nachtigallen" in unserem Magazin ausführlich gehuldigt, weshalb an dieser Stelle nur erwähnt werden sollte: Die drei Ausnahmemusiker haben den perfekten Boden bereitet für die heiter-leicht daherkommende Schlitzohrigkeit Bentgens.

Der präsentierte sich einmal mehr als perfekter Charmeur, umgarnte sein Publikum mit einem augenzwinkernden Grinsen, vor allem aber mit seinen gewaltigen Wortspielereien, die er zusammen mit den hintergründigen Gedankenexperimenten in ein prächtiges musikalisches Kleid zu stecken verstand.

Stimmlich erinnert der Mann mit der Fransenfrisur etwas an Rüdiger Hoffmann – nur schneller und nicht so eindimensional. Auch seine unerwarteten Gedankensprünge, die völlig überraschenden Wendungen in seinen Texten und die mit einem betretenen Lächeln zu Treppenwitzen degradierten großen Ideen lassen an den Comedian aus Paderborn denken. Aber Bentgens ist mehr als das: Er ist ein Zauberer des Wortwitzes, ein Artist der Hintersinnigkeit und ein virtuoser Pianist obendrein.

"Wann willst Du leben, wenn nicht jetzt", so fragt er sein Publikum mit der gleichen Nonchalance, in der er von den alltäglichen Katastrophen des Durchschnittstypen erzählt, der dann – in einer "ganz modernen Jacke, die hinten schließt" fast bedauernswert offen singt "Hallo Zukunft, Du sahst auch schon mal besser aus".

Dabei geht immer wieder auch das Feinsinnige, das Poetische, das Lyrische mit ihm durch: "Ich wär so gern Dein neuer BH" sang Bentgens mit glockenheller, lockender Stimme, um dann doch wieder ganz lapidar festzustellen "Ich würd dich niemals hängen lassen" – ein Titel, der ohne Zweifel das etwas überkommene "Love me tender" als Hymne der Liebe ablösen könnte. "Das wär ganz wunderbra".

Auch saisonbedingte Beiträge waren zu hören: Mit "Ich krieg ne Weihnachtsgänsehaut" verwandelte der deutsche Hermann van Veen die verordnete Besinnlichkeit in blanken Horror und forderte angesichts der alle Jahre wiederkehrenden Duselei ein "Weihnachtsantiseptikum", um sich direkt danach ein „Weihnachten am Strand“ zu wünschen, wie man es sich schöner kaum vorstellen kann: "In der Linken ein Martini und rechts Martina".

Das ist, was den ganz besonderen Reiz dieses Großmeisters der geistreichen Blödelei ausmacht: Er versteht es, die Gedanken des ganz normalen Durchschnittmenschen in beeindruckende Worte und packende Töne zu kleiden, die alle und jeden ansprechen. Dabei ist er keinem Themensprung abgeneigt und kann auch große thematische Wechsel ohne Kleckern meistern.

So bringt er das nahrungsmitteltechnische Herumirren zwischen "aktivlebendigen Enzymen", Körperdepot und Mangelerscheinung auf den alltagsgängigen Slogan "Ich esse bio – logisch. Zumindest denk ich, dass es Essen ist", um wenig später mit der "Großen Kunst" ("wie hold bist Du mir, wie klein ist der Lohn?") und der "Kleinkunst" in den Ring zu steigen: "Ich muss mich nicht entscheiden, ich mache es mit beiden".


Ohne Frage: Was Bernhard Bentgens einmal mehr abgeliefert hat, ist die große Kunst in der Kleinkunst, die höheren Weihen auf den Bühnenbrettern eines Kulturzentrums. So kann man als Fazit den Meister in all seiner Bescheidenheit selbst zitieren: "Es war arg schön – wieder mal!"



Weitere Informationen im Internet unter http://www.bentgens.com und http://www.nachtigallen.de.