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Erschienen
Hommage an die große "Frau mit Vergangenheit"
02/2005
Sie hatte nie einen deutschen Pass und wird doch immer wieder als die "deutsche Greta Garbo" und die "zweite Marlene Dietrich" bezeichnet. Ohne Frage ist sie die erfolgreichste Entertainerin des Deutschen Reiches und ein vielbeachteter Star der Nachkriegszeit gewesen und als sie 1981 in ihrer schwedischen Heimat starb, nahm man gerade in der Bundesrepublik regen Anteil: Zarah Leander, der Mythos der geheimnisvollen Frau, die Mischung aus Femme fatale, Ufa-Star und Überweib erlebt gerade in den letzten Jahren wieder eine gewisse Renaissance.

Obgleich der Markt mit einigen Büchern, Filmen und Musical-Inszenierungen empfangsbereit gemacht wurde, war das Interesse des Publikums am Zarah-Leander-Abend "Ich bin ein Star" Mitte Januar in der Hockenheimer Stadthalle eher gering: Selbst die locker bestuhlte Halle war nicht befriedigend gefüllt.

Es tat dem Abend keinen Abbruch, darf aber insoweit verwundern, als die eigentliche Zielgruppe derjenigen, die die Hochzeiten der Leander miterlebt haben, eigentlich ein gehörig größeres Potential darstellen.

Die Veranstaltung mit liederabendhaftem Gepräge brachte auf den Punkt, was für Zarah Leander schon in frühester Kindheit außer Frage stand: "Ich bin ein Star" und verarbeitete dann in rund zwei Stunden alles, was die Ufa-Göttin in den rund fünfzig Jahren, die sie bis zu ihrem künstlerischen Abschied 1978 mit allen Höhen und Tiefen durchlebte, zu einer "Frau mit Vergangenheit" machte. Entlang ihrer großen Lieder wurde ihre steile Karriere nachgezeichnet: Von der verpatzten Aufnahmeprüfung an der Stockholmer Schauspielschule über die ersten kleinen Rollen, die Zarahs erster Ehemann, der Schauspieler Nils Leander, vermittelte. Der steuerte zum Leben der späteren Diva außerdem den wohlklingenden Namen (bis dahin hieß sie Zarah Hedberg) und ihre zwei Kinder bei. Der Durchbruch kam gleichsam über Nacht: Als der Revuekönig Ernst Rolf sie 1929 als Krankheitsersatz für das als Persiflage auf Greta Garbo gedachte Lied "Wollt Ihr einen Star sehen, seht auf mich" verpflichtete.

Daraus wurde am Ende ein Leben der Superlative: Der Schlager "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" wurde 24 Millionen mal verkauft, im Film "Die große Liebe" waren 27 Millionen Zuschauer und Zarah Leander war die mit sehr großem Abstand bestbezahlte deutschsprachige Schauspielerin ihrer Zeit.

Die Glanzlichter ihres Lebens, diese großen Erfolge und unnachahmlichen Höhenflüge, die brachte der musikalische Abend in der Stadthalle in einer wirklich beeindruckenden Perfektion auf die Bühne: George Menro, der seine unterhaltsame Seite bereits vor Veranstaltungsbeginn unter Beweis stellen musste, weil der musikalische Leiter des Abends und tragende Säule des Kleinstorchesters, Bela Fischer, im Stau stecken geblieben war, berichtete in Geschichten und Geschichtchen, in Anekdoten und interessanten Einblicken hinter die Kulissen der einstigen Glamourwelt über das Leben des großen Stars. Die schwedische Sängerin Katrin Pagmar ließ Titel wie "Kann denn Liebe Sünde sein?", "Von der Puszta will ich träumen" oder "Eine Frau wird erst schön durch die Liebe" Wiederauferstehung feiern und überzeugte dabei durch eine nahe am Original angelegte Interpretation, die sich viele der zahlreichen "Spleens" der Leander zueigen machte: Da wird das "R" gerollt, die geheimnisvolle Absprache bis ins Detail kopiert und manche der eigentlich eher etwas eckig wirkenden Bewegungen gehen auf das große Vorbild, das nicht tanzen konnte, zurück.

Schade, dass im zweiten Teil gerade diese Charakteristika des markanten Superstars deutlich überzogen wurden: Hier wurde Pagmar, die ansonsten eine warme, erdige Stimme ganz im Stile des Vorbildes hat, wohl etwas vom eigenen Enthusiasmus mitgerissen – wer die Leander nur wenig kennt, wird’s nicht gemerkt haben, wer sie selbst zur Ikone erhoben hat, wird es verstehen können.

"Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn" und "Davon geht die Welt nicht unter" markieren – gleichsam als Zenit ihrer Karriere – den vorläufigen Wendepunkt in Leanders Leben. Beide Titel, die bis heute wie kaum ein anderer als "Nazilieder" und "Durchhaltesongs" verdammt werden, wurden ihr nach dem Kriege lange vorgeworfen, wenngleich man sie inzwischen nicht mehr ganz so einhellig als Propagandamaterial identifiziert.

Doch die kritische Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der als launisch und eigensinnig beschriebenen Diva blieben weitgehend ausgeblendet: Trotz des im zweiten Programmblocks deutlich nachdenklicheren musikalischen Umfeldes mit "Mich hat die Welt kaltgestellt", "Ich kann den Frühling kaum erwarten" und "Adieu" huschte man auf der inhaltlichen Seite mit einem fast unbekümmerten "Schlimme Jahre, zu deren besten Seiten noch die Stimme der Leander gehörte" über die Schatten hinweg.

"Wo sind die Clowns" aus dem Musical "Das Lächeln einer Sommernacht", mit dem die Leander 1978 ihre Bühnenkarriere beendete, war dennoch ein packender, ein feinsinniger Titel, der das Ende der Show wie das des Lebens der 1981 verstorbenen großen Künstlerin einläutete.


Nach diesem Auftritt bleibt das Bedauern, dass nicht mehr Menschen teilhatten an einer durchaus beachtlichen Hommage an einen unvergleichlichen Star, der zuletzt mit den bedeutungsschweren Worten in der Öffentlichkeit auftrat: "Ich sitze hier und horche den Liedern hinterher, die ich noch nicht gesungen habe".



Weitere Informationen im Internet auf der wirklich außergewöhnlich umfangreichen Seite http://www.zarahleander.de.