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Erschienen
Die Rotarier, rote Haare und die tönenden Sprechblasen
02/2005
So muss ein Comic-Event aussehen! Action, Zeichner zum Anfassen, und Musik mit Hintergedanken – gibt es nicht? Von wegen. Das Stuttgarter Literaturhaus machte es bilderbuchmäßig vor.

Ganz nüchtern ging es am 10 Januar um die Eröffnung der Ausstellung Dirtgirl vs. Zuckerfisch. Gezeichnet werden die beiden recht unterschiedlichen Strips von der zuckersüßen und rothaarigen Naomi Fearn. Zuckerfisch haben wir ja schon rezensiert und Dirtgirl ist die böse Seite von Fearn. Den Drogen und dem Sex aufgeschlossen bis ausgeliefert, grölend bis lallend auf versifften Party abhängend.

Einzelne Figuren und ganze Comicseiten schmückten die Wände des Ausstellungsraumes, immer im ordentlichen Mix zwischen Tag und Nacht, Gut und Böse und so weiter. Aber keines der beiden Gesichter der Fearn kann man nicht gern haben, schon gar nicht, wenn man die Zeichnerin, Autorin und gut Ausseherin mal live erlebt hat. Und dazu gab es an diesem Abend mehrere Gelegenheiten.

Doch zuerst gab es die üblichen Tagesordnungspunkte einer Vernissage: Reden. Das ging von schnell und schmerzlos von Florian Höllererer bis zu tief greifend und überraschend – selbst für die Zeichnerin – von Petra von Olschowsky. Die beiden Redner standen in einer nicht ganz üblichen Umgebung. Acht Stühle mit sieben menschlichen Mikrofon- und Manuskripthaltern, Rattansesseln mit elektronischen Saiteninstrumenten und eine Kanne Tee – der Abend sollte noch interessant werden.

Es begann mit einer inszenierten Lesung aus Zuckerfisch. Da der Strip in Stuttgart entstand natürlich ein Heimspiel, und viele Vorbilder der Comicfiguren waren unter den Zuhörern und sogar unter den Sprechern. Der achte Stuhl beherbergte diverse Lautmittel, mit denen auch sonst sprachlosen fearnschen Gestalten Ton verliehen wurde. Ein dickes „Respekt" an die Dame am Luftballon – mit nicht versiegen wollender Kraft blies sie eins ums andere Mal den gelben Gummi auf, um das Publikum mit einem Pfeifen zu unterhalten.

Die Pause wurde dann recht hart. Speed Core versprachen die Tee trinkenden Malmzeit und röchelten dann stilgerecht Wetterberichte herunter. Licht und Schatten ohne verwischendes Grau – musikalisch versteht sich – und das mit einem ironischen Augenzwinkern.

Weiter ging es mit der Lesung aus Dirtgirl. Da die zuckersüßen Sprecher nicht ausgewechselt wurden, war das Umstellen von allgemeinverträglich auf Randgruppe nicht einfach. Aber mit so viel Manpower, denn Malmzeit mischten auch noch mit und gaben den musikalischen Background für das vorgetragenen abendliche Besäufnis, hat man auch als Comickenner die neunte Kunst noch nicht erlebt.

Doch nicht nur für Sprechblasenfreunde war der Abend, der mit den Pornophoniques im Gameboy Sound mit Lagerfeueratmosphäre ausklang, eine neue Erfahrung. Diese nachahmenswerte Veranstaltung, die zu aller Freude sehr gut besucht war, wurde von der örtlichen Rotarier Gruppe unterstützt. Die haben sich gemäß ihrer Grundsätze sehr aufgeschlossen gezeigt und gleich diese vielleicht neuen Sparte der Literatur käuflich erworben. Da konnte man einen sichtlich überwältigten Herrn Dinter erleben, der keines der mitgebrachten Druckerzeugnisse des Zwerchfellverlages wieder mit nach Hause nehmen konnte. Ausverkauft! So große Augen sieht man sonst nur in Mangas – vielleicht der erste Schritt der Hamburger in einem neuen Umfeld?

Der Abend war noch lang, denn alle alten Bekannten der Fearn wollten eine Umarmung und eine Signatur – hätten wir auch gerne gehabt, wir bekamen aber auch eine Unterschrift.


So muss ein Comic-Event aussehen!

Reinhören? Gern!
Rede1
Rede2
Zuckerfisch
Dirtgirl
Malmzeit
Pornophonique

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Die Bildergalerie: