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Joachim Fest
Erschienen
Begegnungen.
Über nahe und ferne Freunde
02/2005
Rowohlt Verlag, Reinbeck
383 Seiten / € 19,90
Freunde, nahe und ferne. Begegnungen im Laufe eines Lebens im Portrait des renommierten Historikers und Publizisten Joachim Fest. Darunter finden sich so unterschiedliche Personen wie der Schriftsteller Sebastian Haffner, die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt, Golo Mann und die spätere Terroristin Ulrike Meinhof.

Vierzehn Persönlichkeiten mit all ihren Facetten bringt der Autor dem interessierten Leser näher. Die Herangehensweise ist dabei sehr unterschiedlichund reicht vonchronologischen Aufzählungen von Begegnungen (Haffner, Meinhof) über kurzeeine Gesamtbiographien Johannes Groß bis hin zur Übernahme einer vom Autoren gehaltenen Geburtstagsrede (Joachim Kaiser) und einerTraueransprachen (Rudolf Augstein).

Dabei sind die Begegnungen mit den ausgewählten nahen und fernen Freundeauch unterschiedlich lang beziehungsweise kurz im Umfang: Der Leser begegnet dem

Historiker Arnulf Baring auf rund zehn und Hannah Arendt auf um die vierzig Seiten. Dies darf aber nicht auf die Qualität und Intensität der Freundschaften schließen lassen.

Zu den textalen Umrissen gehören auch die bildlichen Schwarz-Weiß-Portraits, die jeweils am Anfang einer jeden Begegnung plaziert sind.

Zu Fests Stärken gehört es, Menschen, deren Berühmtheit einem breiteren Publikum längst entglitten ist, mit einer ausgeprägtenLebendigkeit nahe zu bringen. Das Portrait des Journalisten Johannes Groß gehört in diesem Sinne zu den beeindruckenden Charakterstudien Fests. Die Ängste eines von Körpergröße kleineren Mannes, die Verunglimpfungen beim Schwimmen gegen den intellektuellen Zeitgeist der 1968er-Generation - Johannes Groß hatall dies ertragen müssen.

Beim Lesen des Kapitels, das Ulrike Meinhof gewidmet ist, fällt dem Betrachter die Schwierigkeit des ehemaligen FAZ-Mitherausgebers Fest im Umgang mit der ehemaligen Terroristin auf; das Portrait bleibt oberflächlich und man spürt beinahe körperlich die Distanz zwischen den beiden Welten - Ulrike Meinhof gehört sicherlich zu den fernen Begegnungen Fests.

Das Buch ist aber weit mehr als eine Aufzählung von Freundschaften. Es bietet anschaulich eine Art Geistesgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mit Ihren Hauptakteuren um die Frankfurter Schule der Philosophen Adorno undHorkheimer und der deutscher Geschichte mit all ihren Licht- und Schattenseiten.

Eindringlich schildert der Publizist Festdie problembeladeneVater-Sohn-Beziehung zwischen dem Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und seinem jünsten Spross Golo sowie die Boshaftigkeit der Intrigen, die Horkheimer/Adorno gegenüber Golo Mann sponnen, um dessen Lehrtätigkeit zu verhindern. All dies nur, weil Thomas Mann Adorno in einem Werk nicht genügend gewürdigt habe.

Aber auch die andere Spannbreite menschlichen Gefühllebens kommt in diesem Werk nicht zu kurz. Das Kapitel Hannah Arendt präsentiert Fest als Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen zwischen der Schülerin Hannah und dem Meisterdenker Martin Heidegger. Schlichtweg superb.

Wie in einer Symphonie erscheint in unterschiedler Stärke und zahllosen Facetten immer wieder ein Hauptmotiv durch: Das Erleben, der Umgang und die Verarbeitung des Nationalsozialismus. Das Lebensthema Joachim Fests lässt ihn auch nicht in diesem Buch kaum los. Sei es als Emigrant (Haffner), Jüdin ( Arendt), Britischer Offizier im besetzten Deutschland (Trevor-Roper) oder als Hauptakteur im kritischengeschichts-politischen Umgang mit der NS-Zeit (Meinhof) - der Nationalsozialismus liegt wie ein düsterer Schleier über dem Buch.

Die Erfahrungen mit dieser Zeit erschütterte bei allen Portraitierten bis zu einem gewissen Grad das Vertrauen instaatliche Institutionen. Viele hielten es bis in die 1980er Jahre und darüber hinaus für möglich, dass das demokratische, freiheitliche Projekt der Bundesrepublik scheitern könnte.


Joachim Fests "Begegnungen" markieren ein empfehlenswertes Buch, das sich leicht und fließend liest. Fest ist eine Art Akademie-Maler mit feiner Pinselführung, ein Portraitist seiner Generation.

PK