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Erschienen
Neujahrskonzert der ganz besonderen Art in Hockenheim
02/2005
Wenn das Neujahrskonzert, das an einem Sonntag Anfang Januar ganze Heerscharen in die Hockenheimer Stadthalle gelockt hat, die bis auf ganz wenige "billige Plätze" voll besetzt war, ein Omen für das noch junge Jahr sein soll, dann erwarten und zwölf bunte Monate in einer vitalen Ausgelassenheit bei gleichzeitig fester Basis – was könnte man sich mehr wünschen?

Die Stars des Konzerts, das eine lange Tradition hat und seit 1997 nicht mehr von "eingekauften" Ensembles, sondern jeweils von zwei Hockenheimer Vereinen gestaltet wird, waren zum einen die rund 55 Sängerinnen und Sänger des AGV Belcanto, zum anderen die 40 Instrumentalisten des Orchestervereins Stadtkapelle – und zwar jeder davon auf seine ganz eigene Art.

"Belcanto" überraschte insbesondere durch eine besonders unkonventionelle Performance: Während man beim Neujahrskonzert üblicherweise Fliegen und schwarze Anzüge erwartet, gaben die Vokalisten sich passend zum auch meteorologisch sehnsuchtsvollen "California Dreamin" von "The Mamas & The Papas" in Mänteln und Jacken – die sie sich sofort vom in sommerlichen Farben gekleideten und blumenkettenbehangenen Leib rissen, als sie musikalisch die Surfbretter auspackten: In einem Medley ließen sie die großen Erfolge der "Beach Boys" Wiederauferstehung feiern.

Ohne Frage hat die Truppe um den Dirigenten Christian Palmer viel Augenmerk auf die Choreografie und auf kleine Gags gelegt (so erhaschte Daniela Mülbaier als kleine "Schlafmütze" in der "Chordettes"-Hymne "Mister Sandman" manch begeisterten Blick) und zumindest punktuell ist dabei der schöne Gesang als einziges Qualitätsmerkmal etwas in den Hintergrund getreten, zumal man generell etwas unter der Akkustik der Halle zu leiden hatte, die es schwer bestraft, wenn man gerade Vokalisten zu weit in den Bühnenraum hinein platziert. Aber so ist das in Experimentalphasen: Man muss ausprobieren. Dabei passieren dann auch Fehler und wenn sie so geringfügig ausfallen, wie bei diesem Konzert, dann darf man sich beruhigt zurücklehnen – das gibt sich, wenn erst Bewegung und Optik noch besser in Übung sind. Denn das bleibt doch zu hoffen, dass dieses Konzert keine Eintagsfliege bleibt, sondern man beim AGV weiter an einem modernen Auftreten arbeitet.

Dass dabei nämlich auch absolute Top-Qualität herauskommen kann, zeigten vor allem die Damen mit einem "Carpenters"-Revival: Flott und erstaunlich unangestrengt hauchten sie "Please Mr. Postman" in den Raum und hatten dabei ausgefeilte Bewegungsabläufe auf dem Kasten, die sich sehen lassen konnten – solcherlei "Stimmungsmache" geht natürlich auf das Publikum über, das mit rasendem Beifall bewies, dass es den optischen Umschwung durchaus goutiert.

Im Ansehen etwas traditioneller, programmatisch aber wie immer voll und ganz auf der Höhe der Zeit brachte die Stadtkapelle im zweiten Teil des Abends eine Mischung aus klassischer, ausgelassener, experimenteller und moderner Musik: Mit der "Overture for Woodwinds" von Philip Sparke und den thematischen Streifzug durch das Musical "Elisabeth" untermauerte das Orchester einmal mehr die unnachahmliche Wucht und Stärke, die gleichzeitig aber auch beeindruckende Feinheit im Klang und technische Versiertheit der Instrumentalisten. Ihre lebenslustige, vital-enthusiastische Orientierung stellten dieselben Musiker, die gerade noch das breit angelegte Elisabeth-Hauptthema "Er gehört zu mir" intoniert hatten, mit einer wild entfesselten Interpretation des Luigi-Denza-Gassenhauers "Funiculi, Funicula" unter Beweis und die gleiche spürbare Lebensfreude packten sie auch in das Medley mit Hits des ehemaligen "Take that"-Idols Robby Williams (auf der Bühne verkörpert und intoniert von Florian Zink, der sein Saxophon mit dem Mikro tauschte und eine tolle Nummer hinlegte) "Let me entertain you", das auch das Motto des gesamten Abends abgab.

Eine Kostprobe von der unablässigen Veränderungsbereitschaft und musikalischen Weiterentwicklung gab die Stadtkapelle mit "Electricity" des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Daniel Bukvich: Pulsierend und gewaltig ließen die Musiker die "Power" mit einem fast massiven Körper spüren, um dann in einem ausgedehnten Schlagzeugsolo im "Blackout" in einem dunklen, nur mit wenigen Taschenlampen beleuchteten Saal das Bedrohliche mit dem elementar Spannenden zu vereinen – eine ganz neue Wahrnehmung der Musik, wenn der optische Reiz wegfällt. Der bisherige Dirigent der Stadtkapelle, Rüdiger Müller, verabschiedete sich mit diesem letzten Highlight von der Rennstadt. Wie bereits im vergangenen Jahr angekündigt wird er andere Aufgaben wahrnehmen – er hat sich aber noch einmal ein beachtliches Denkmal gesetzt und minutenlanger Sonderapplaus für den Künstler gaben ihm herzlich warme Wegzehrung mit.


Als nach zwei Stunden der AGV und die Stadtkapelle gemeinsam das hoffnungsvolle "When you believe" aus dem Soundtrack zum Film "Der Prinz von Ägypten" zum Besten gaben, stand es fest: Ein so aufregendes, spannendes und neuartiges Neujahrskonzert hatte Hockenheim noch nicht gesehen – hoffen wir, dass das Jahr da mithalten kann.