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Erschienen
Hack, hack – mehr ist es eigentlich nicht: Andreas Rebers im "Pumpwerk"
02/2005
Er ist einer, den man sich nicht als Gast auf einer Gartenparty wünscht. Geschweige denn als Gastgeber, denn sein Problem mit Gästen sei, "die bleiben auch mal gerne": Andreas Rebers punktete Mitte Januar im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" vor bis auf den letzten Platz besetzten Publikumsrängen mit seinem neuen Programm "Ich mag mich trotzdem".

Da dürfte er allerdings der einzige sein, denn in seinem rund zweistündigen Programm präsentierte sich der aus Braunschweig stammende Exil-Münchner als perfektes Ekelpaket, dessen jede für sich betrachtete Schrulle liebenswert sein mag, das aber in der Gesamtschau eine Mischung aus Tötungsabsicht und Würgereiz auslöst – ein ganz normaler Mitmensch eben, einer wie Du und ... nun, jedenfalls einer wie Du.

Als "diensthabender Alleinunterhalter" plaudert er sich durch den Abend, springt von einer scheinbaren Belanglosigkeit zur Anderen, nur um aus der Hinterhand, aus der unerwarteten Situation, der nichtvorhersehbaren Wendung eine Gemeinheit nach der anderen loszulassen. Da Räsoniert er darüber, wie toll er Islamisten fände, die Kopftuch tragen – schließlich könne man ja auch in SS-Uniform gehen. Und letztlich seien "Opus Dei" und "Mullah Ratzinger" ja auch nichts anderes als Taliban – "nur, dass die eher Zugang zur Dusche haben".

Sein Publikum behandelt der Mann, der eigentlich studierter Akkordeonist ist und Musikalischer Leiter des Schauspiels am Staatstheater Braunschweig war, wie es ihm gebührt: "Sie brauchen auch einen, zu dem sie aufschauen können". Und trotzdem lieben ihn seine Zuhörer. Oder gerade deshalb. Weil er anders ist als all die andern, weil er unverblümt und direkt zur Sache kommt, auch wenn er das hinter seinen Alltäglichkeiten versteckt.

Rebers ist einer, der so lange die falschen Fragen stellt, bis er die richtigen Antworten bekommt. Einer, der zwischen Rübenfeldern ("Die Rübe – der Trüffel des Nordens") und Küchenablagen große Politik und nicht minder große Philosophie unterbringt: "Hack, hack – mehr ist es eigentlich nicht, was ich ihnen zu sagen habe", resümiert er nach einem tiefgründig geistreichen Ausflug in die Erklärung des Menschlichen Daseins anhand der Feldarbeit; denn der "normale Mensch" arbeitet rückwärts – "sonst trampelt man das gerade Gehackte wieder kaputt". Also: "Vor Dir liegt die Vergangenheit und hinter Dir die Zukunft". Ganz einfach eigentlich.

Gerne bringt der passionierte Anti-Freund seinen Mitmenschen aus reiner Nächstenliebe im Workshop beim "Vertrauensfall" auch einmal bei, "dass man sich nicht immer auf andere verlassen darf".

Vielleicht sieht der Mann, der mit dem was er sagt den Eindruck erweckt, er würde "zum Frühstück Millimeterpapier fressen", deshalb aus, wie ein mittlerer Bankangestellter nach durchzechter Nacht: Rutschende Hose, Katastrophenfrisur und Krawatte auf Halbmast – das einzig Desolate im Leben des Rebers scheint er selbst zu sein. Aber auch das macht ihn so menschlich. Zumindest so Mitmenschlich. Schließlich ist er ein Mensch, der ohne Spaß zu haben viel Alkohol trinken kann.

Seine verbalen Ausflüge in die Niederungen menschlichen Seins verbindet er in einer unkonventionellen aber brillanten Weise mit seinen Liedern, deren Sinngehalt nicht minder schwerwiegend, deren äußere Form aber ebenso leicht verkennbar ist, wie die seiner Plaudereien: Als Herman-van-Veen-Persiflage fragte er "Hey Terrorist aus dem Morgenland, warum bist Du so aggressiv?", in "Ich bin ein Schlachter" führt er dem armen Hausmütterchen den ernst der Lage an der Nahrungsmittelfront vor Augen und anhand "Sabines aus Hannover" dem progressiven Ideologen die Absurdität unkonventioneller Lebensentwürfe.

Das alles bettet er ein in seine "Triometrie der Seele", in der "Ich", "Überich" und "Untermir" in einem ständigen Kampf miteinander stehen, wenn das Untermir sagt "Hau dem Typ in die Fresse", aber "der Büttikhofer in Dir" sein (schein)heiliges "Das darfst Du nicht" dagegenhält – "mit diesem Krankheitsbild kann man leben".

Insbesondere dann, wenn man sich in schwierigen Situationen in die Spülmaschine setzt und dann spürt: "Freiheit braucht Grenzen – sonst macht Freiheit keinen Spaß".


Andreas Rebers hat an diesem Abend bewiesen: Das ernstzunehmende Kabarett ist längst nicht tot. Und wenngleich er auch vielleicht keinen "Kabelbrand im Herzschrittmacher" ausgelöst haben mag – von Rebers wird man noch hören. Gott sei Dank.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.andreasrebers.de.