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Erschienen
"Königin der Instrumente" beeindruckt und alarmiert in Hockenheim
04/2005
Zum neunten Mal stellte Ende Februar das Amt für Schulen, Kultur und Sport des Rhein-Neckar-Kreises explizit eine der "Königinnen unter den Instrumenten" vor. Diesmal führte die "Orgelreise", die zuletzt in Sinsheim-Hoffenheim und in Heddesbach Station gemacht hatte, im Rahmen der Kreiskulturwoche in die Evangelische Kirche der Rennstadt. Die dortige Orgel ist eine der größten im ganzen Landkreis: 1972 hat der Bautzener Orgelbauer Hermann Eule einen Neubau in den noch erhaltenen barocken Prospekt umgesetzt. Dies ist umso bemerkenswerter, als ein langer Streit darum vorausgegangen war, ob man das altehrwürdige Steinmeyer-Instrument mit seinen Pfeifen nicht durch ein elektronisches ersetzen sollte. Zwar muss man eingestehen, dass die besondere Anfälligkeit und die enorm hohen Kosten, die eine längst fällige Instandsetzung der Orgel heute fordert, dann eingespart worden wäre, man hätte die Kirche aber auch ihres bemerkenswerten Organs beraubt – oder, um es mit den Worten von Kardinal Karl Lehman von der "Konkurrenz" zu sagen: "Die Orgel ist dem Hörenden eine behutsame Predigerin und Missionarin, die tiefer in das Geheimnis Gottes hineinführen kann." So hat man sich denn glücklicherweise für die traditionelle Variante entschieden – das gleiche Werk steht übrigens noch heute im Dom zu Meißen. Die Orgel wurde 1994 mit einer elektrischen Setzeranlage, einer Art "Speicher" für vorher zusammengestellte Registerkombinationen, nachgerüstet.

Eine Generalschau auf die Orgel hat das Konzert ermöglicht, in dem der Kantor der Evangelischen Kirche, Christian Holger Bühler, zusammen mit Solisten der Jungen Philharmonie Rhein-Neckar ein Programm vorstellte, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert war.

Etwas wie ein Fremdkörper wirkten dabei die beiden Trompeter Moritz Pabst und Gergely Lukász, die mit Igor Strawinskys "Fanfar for an new Theatre" einen programmatisch eher schwierigen Einstieg wählten und mit Allan Vizzuttis Konzert-Duett für zwei Trompeten zwar ihre beachtliche Präzision und dynamische Spannkraft unter Beweis stellen konnten, aber auch ein Bedauern darüber, dass trotz umfangreicher Literatur kein gemeinsames Stück mit der Orgel geboten wurde, auslösten.

Sehr harmonisch mit dem großen Instrument verbunden zeigte sich die Posaune von Günther Scherb: Regers Romanze in Es-Dur und Bruckners "Ave Maria" in As-Dur brachte der Musiker mit einem herrlichen emotionalen Tiefgang durch eine feine Differenzierung und sphärisch leichtem Ton, der in Verbindung mit dem Klang der Orgel tatsächlich wie aus einer anderen Welt zu kommen schien.

Bemerkenswert auch Alexandra Netzold, die am Violoncello nur Peter Tschaikowskis "Nocturne" in d-moll beitrug, aber mit diesem einen Stück schon bleibenden Eindruck hinterließ: In weiten Bögen traf sie den melancholischen Unterton genau, findet aber auch Zugang zu energischen Passagen, wobei Netzold das gute Gespür für die mannigfaltigen Farben ihres Instruments sehr effektvoll einzusetzen wusste für eine Interpretation mit viel Substanz und guter Differenzierung.

Ohne Frage der "Star" des Konzerts: Christian Holger Bühler. Der Kirchenmusiker hat sich durch seine Konzertreihe "Orgel plus" bereits einen guten Ruf verschafft und unterstrich diesen mit seinem jüngsten Konzert noch einmal auf beeindruckende Weise: Neben der Begleitung der übrigen Instrumentalisten steuerte er in dem rund einstündigen Konzert vier solistische Werke bei. Neben Clara Schumanns Präludium und Fuge in g-moll, das ein faszinierendes Beispiel für die Vielseitigkeit der vorrangig für ihre Klavierwerke bekannten Komponistin hergab, war vor allem Léon Boellmanns Suite gothique op. 25 ein – auch im Programmablauf entsprechend gesetzter Höhepunkt des Konzerts.

Die Introduction aus vollen Registern unterstrich Bühlers ganz elementar wirkende Spielfreude, dem Menuett erhielt er durch seinen außerordentlichen Esprit die Spannung eines an Motiven so reichen Werks, Prière à Notre Dame machte er mit feinen, fast ätherischen Tönen zu einem in aller Leichtigkeit durch große emotionale Dichte fesselnden Satz und die vielschichtige Toccata schließlich setzte einen wuchtigen, einen mit großer Spannkraft und eine wunderbar pulsierende Lebendigkeit mitreißenden Schlusspunkt unter das Konzert.

Eines stellte das herausragende Kirchenkonzert aber auch unter Beweis: Es ist dringend notwendig, in den Erhalt der Euler-Orgel zu investieren. Geräuschvoll schließende Ventile, ein in verhaltenen Passagen in der Gefahr dumpf und leer zu klingen stehender Ton, der im Forte vor allem in der Höhe stets ein wenig heißer und mit unschönen Einschlüssen daherkommt sind alarmierende Warnsignale dafür, dass der Zahn der Zeit dem Instrument bereits zugesetzt hat.

Ein Orgelrenovierungsfond ist bereits gegründet, vielleicht kann sich ja auch der Kreis, dem glücklicherweise so viel an der kirchenmusikalischen Weiterentwicklung zu liegen scheint, an der Finanzierung beteiligen.


Zu wünschen wäre es den Hockenheimern, damit sie das Glück, eine so hervorragenden Künstler in den eigenen Reihen zu haben, in noch volleren Zügen genießen können.