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Erschienen
Technische Größe und Liebe zur Interpretation: "Windensemble 2003" in Hockenheim
04/2005
Vor fast genau zwei Jahren waren sie zum letzten Mal zu Gast in der Hockenheimer Stadthalle – in einem frenetisch bejubelten Konzert gab damals das "Windensemble 2003" sein Debüt, wie man es sich besser kaum hätte vorstellen können. Nun hat das Projektorchester erneut seinen Weg in den Hockenheimer Musentempel gefunden und beeindruckte nicht weniger.

Der vor zwei Jahren aus "musikalischen Weggefährten" vor allem des Verbandsjugendorchesters Karlsruhe zusammengestellte Klangkörper trifft sich nur einmal im Jahr zu einem Probenwochenende und zu zwei Konzerten. Diesen projektartigen Charakter wolle man ebenso beibehalten, wie die Motivation, allein aus der Freude am Musizieren aufzutreten: Den Erlös des diesjährigen Konzertes spendeten die Musiker dem Heilpädagogischen Wohn- und Beschäftigungsverbund Oberhausen/Rheinhausen – wobei sie dabei wohl darauf hoffen müssen, dass die Stadt bei der Saalmiete etwas Entgegenkommen zeigt: Die Besucherzahlen waren nämlich beileibe nicht so, wie erhofft und wie es sicherlich auch verdient gewesen wäre. Es ist müßig, darüber zu philosophieren, warum in Hockenheim gerade die kulturell etwas bedeutenderen Veranstaltungen solche Schwierigkeiten haben, während man sich ungeniert den gequirlten Schwachsinn von "Mundstuhl" gönnt, aber seis drum: Dem Konzert selbst hat es eigentlich keinen wirklichen Abbruch getan.

Das lag zum einen an dem wirklich begeisterten Publikum, zum anderen aber auch an den souveränen Musikern, die trotz lichter Reihen alles Gaben.

Und das ist eine ganze Menge: In einem mehr als zweieinhalbstündigen Programm präsentierte die halbe Hundertschaft - diesmal unter der Leitung von Harry D. Barth und Rüdiger Müller – Glanzlichter der Blasmusik, so die viel gegebenen "Armenian Dances" des amerikanischen Komponisten Alfred Reed, Morton Goulds "Jericho Rhapsody" und die "Somerset Rhapsody" des Engländers Gustav Holst.

Dabei zeigte sich das Ensemble als ein bemerkenswert ausdifferenziertes Orchester, von dem eine beeindruckende, fesselnde, aber auch mitreißende Energie ausgeht: Spannungsbögen werden von den jungen Musikern in vollen Zügen genossen, im Tutti zeigen sie sich als ein energisches, im Piano als ein zartschmelzendes Organ. Dabei kam die ungewöhnlichen Harmonien und die unvermittelten Wechsel in Ira Herschens "After ’The fairest of the fair" dem Orchester ebenso zupass, wie die extremen dynamischen Brüche in "Watchmen, tell us of the Night" des Zeitgenossen Mark D. Camphouse: Gerade mit dem letztgenannte Werk konnten die Instrumentalisten zeigen, was einen Klangkörper wie diesen von einem "normalen" Orchester unterscheidet: Es ist die Liebe zur Interpretation, die Freiheit, eine eigene Botschaft in die Musik zu legen, Emotion erfahrbar zu machen. In diesem Fall brachten sie das Spiel mit der Angst, mit Verzweiflung, aber auch die Schimmer von Hoffnung in einer enorm dichten, sehr dramatischen und autentischen Grundstimmung.

Als Solistin wartete man in diesem Jahr mit der Saxophonistin Tanja Heinkel auf. Die durch zahlreiche Konzerte renommierte Musikerin bändigte mit einer kraftvollen Interpretation Claude T. Smiths rhythmisch und technisch hochkomplexe "Fantasia for Alto Saxophon". Die weitläufigen Passagen scheinen ihr dabei keine Sekunde Schwierigkeiten zu machen – bisweilen schien sie ganz im Gegenteil vom Enthusiasmus richtiggehend gepackt. Sehr beeindruckend aber auch der zart behauchte Ton, mit der die energische Musikerin den lyrisch ausgebreiteten Mittelteil mit großer Trennschärfe, absoluter Reinheit und großer emotionaler Tiefe belebte.

Rüdiger Müller, über den in Hockenheim große Worte zu verlieren eine Farce wäre, hat mit diesem Konzert seiner alten Heimat noch einmal einen großen Dienst erwiesen. Als "Schmankerl" hatte er die Welt-Uraufführung der "Winds in Space" des jungen Freiburger Komponisten Hendrik Schwarzer im Gepäck: Inspiriert von der Filmmusik des SF-Genres hat der erst 17-jährige Schüler ein durchaus passables Klangbild geschaffen, in dem martialisch Wuchtiges in feinem Tonstaub gebrochen wird, das mit vielschichtigen und vor allem weit ausgedehnten Schlagwerkparts und leichtfüßigen Klavierakzenten ein kosmisches Erlebnis verspricht, das neugierig macht. Schwarzer weiß schon sehr gut, mit dem klanglichen Repertoire eines Blasorchesters umzugehen, wenngleich er durch Tonart- und Tempiwechsel ein wenig fahrig wirkt und der klassische Schluss nicht so recht zum modernen, einfallsreichen Gesamtwerk passen mag.


Das jüngste Konzert des „Windensembles 2003“ brachte erstklassige Musik nach Hockenheim, die mehr noch als durch ihre technische Perfektion durch ihre interpretatorische Freude belebt war. Oder, um es mit einem gegebenen Richard-Strauß-Werke zu sagen: Musik für „Alle(r)seelen“.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.windensemble2003.de