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Erschienen
Liebe, Lebensfreude und Musik inmitten des Krieges - "Swinging St. Pauli" in Hockenheim
04/2005
1941. Die Welt steht am Abgrund, als sich der bisher rein europäische Krieg, den die Deutschen angezettelt haben, zum bislang größten Weltkrieg ausweitet. Eigentlich haben die deutschen Truppen mit dem verlustreichen und erfolglosen Angriff auf England (inklusive Versenkung der "Bismarck") und dem Abbruch der Eroberung Moskaus den Krieg bereits verloren – das aber will noch keiner wahrhaben. Und immerhin geht das Schlachten noch vier Jahre weiter. 1941 ist auch das Jahr des berüchtigten Befehles an Heydrich, die systematische Ermordung der Juden in West- und Mitteleuropa umzusetzen.

In dieser düsteren Szenerie spielt die Musicalinszenierung "Swingin St. Pauli" von Regisseur Thomas Matschoß, die am vergangenen Freitag in der Hockenheimer Stadthalle vor bedauerlicherweise nur kleinem Publikum Gastspiel hatte. Obgleich Heinrich Himmler im April alle Tanzveranstaltungen verbieten ließ, widersetzt sich der homosexuelle Barbesitzer Oskar Leonhardt allen Anfeindungen gegen den aus Amerika herüberschwappenden und als undeutsch verdammten Swing und erlaubt es mit schlitzohriger Listigkeit einer Gruppe junger Hamburger, auch im Kriegszustand noch so etwas wie Lebensfreude und erste Liebe zu erleben: Alberta, Beate, Max, Heini und Fritz werden die "Swing-Kids". Ihnen schließt sich – ganz gegen Oskars Rat – auch Emma an, die er im Wissen um ihre jüdische Abstammung vor den Nazi-Schergen rettete. Max verliebt sich in Emma, für die Oskar eigentlich die Flucht ins Ausland vorbereitet hatte. Doch Emma und Oskar werden ausgerechnet von Alberta, die damit ihren geliebten Fritz vor der Einberufung an die Front bewahren will, verraten: Die begnadeten Sängerin, die immer wieder bei Oskar aufgetreten war, hatte bei der Gestapo "gesungen". Als sie ihren Fehler erkennt, opfert sie ihr Leben und Oskar schließlich seines, um Emma und Max die Flucht doch noch zu ermöglichen.

Ein schwieriger Stoff, dem sich die Autoren da angenommen haben. Versucht haben sie sich in einem weiten Spagat zwischen der unbekümmerten Fröhlichkeit der Swing-Kids und der immer wieder in ihr Leben einbrechenden Grausamkeiten des Krieges und des Nazi-Regimes. Wie sollte der Zuschauer davor bewahrt werden, in der fast lausbübischen musikalischen Auflehnung der Kids gegen Marschmusik und Rökk-Schmonzetten eine Verharmlosung der Barbarei zu entdecken? Ein "Ich mach mir solche Sorgen um dich" klang denn auch zwischen "organisiertem" Alkohol aus Tierpräparaten und dem Jux, den man sich aus dem Kleinkrieg mit Obersturmbannführer Hundt und SS-Mann Stenzel machte, reichlich deplaziert. Dennoch konnte das Musical zumindest passagenweise auch überzeugen. Das lag vor allem an der musikalischen Qualität seiner Präsentation.

Die Musik aus der Feder Martin Lingaus kam mit einigen sehr bemerkenswerten swingy Titeln daher, verfiel teilweise aber leider auch in etwas seichtere Musical-Literatur "von der Stange". Dem Gesamteindruck tat es keinen Abbruch, wenn zwischendurch auch einige "Schmachtfetzen" eingestreut waren, mit denen Liebe gestanden und „Dr. Fusel“ zum guten Freund erklärt wurde. Die Story selbst erinnerte – auch in der Aufmachung des dezenten Bühnenbildes Anja Imigs – streckenweise sehr an den US-Propagandastreifen und heutigen Kultfilm "Casablanca", insbesondere was die Anlage der Rolle des Barbesitzers "Leo" angeht.

Herausragen konnten aber insbesondere die Band um den musikalischen Leiter Markus Mittermeyer und die Darsteller: Sie agierten überzeugend und glaubwürdig und nahmen das explosive Spannungsfeld aus Schrecken und Feierlaune grandios auf. Herausragend dabei Tanja Roll als Alberta, die mit der ansonsten einen Deut zu naiv daherkommenden Annic-Barbara Fenske als Beate gesanglich das unumstrittene Highlight lieferte: Klar und rein, energisch und voll emotionaler Präsenz. Bei den Männern konnte Benjamin Zobrys als Max brillieren, der vor allem in der Verhörszene authentisch und ergreifend agierte. Heiko Wohlgemuth, der neben dem Fritz auch für das Buch und die Songtexte zuständig war, traf den typischen Sound der dargestellten Zeit in sehr beeindruckender Art und Weise. Etwas abgefallen dagegen Erik Schäffler als "Leo", der schauspielerisch in der nonchalanten Art des Barbesitzers punkten konnte, gesanglich aber ebenso wenig überzeugte, wie die offenbar gesundheitlich angegriffene Michéle Connah in der Rolle der Emma Löwenstein. Was der "Frosch" in der "Fledermaus", das waren in "Swingin St. Pauli" Joachim Kappl und Torsten Hammann, die in jeweils Doppelrollen als Hundt und Kommunist Kalli beziehungsweise Stenzel und "Schieber" Paul differenziert wie eigentlich vier Schauspieler agierten.


Nach einem fast dreistündigen Musikabend, der zum weit überwiegenden Teil aus swingender Lebensart bestand, um sich zum Schluss in raschen Zügen in ein düsteres Drama zu verwandeln, blieb – trotz der etwas aufgesetzten Schlusssequenz, in der der Sieg der Liebe über den weitverbreiteten Rassenhass jener Tage beschworen wurde – ein spannungsgeladener Zustand im Publikum: Mit fröhlichem Lachen wird sich keiner an dieses Musical erinnern. Dafür dürfte der Gegenstand denn doch zu sehr belastet sein. Aber es ist der Versuch gelungen, auch in den schrecklichen Kriegstagen noch einen Funken Hoffnung zu finden. Und was könnte mehr Hoffnung machen als Liebe und Lebensfreude?