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Erschienen
Musik um der Kunst, der Schönheit und der Wahrheit Willen - 10. Internationale Gitarrennacht
04/2005
Es gibt Dinge, die erlebt man immer wieder und doch verlieren sie nicht ihren Zauber. Ein bemerkenswertes Beispiel aus dieser Gattung ist die Internationale Gitarrennacht, die Anfang März im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" zum zehnten Mal über die Bühne ging.

Dem Ausnahme-Gitarristen Claus Boesser-Ferrari aus Laudenbach ist auch und gerade mit dieser Jubiläumsveranstaltung einmal mehr gelungen, die bisherigen neun Spitzenklasse-Konzerte um einen neuen, ganz individuellen Höhepunkt zu ergänzen; das ist, was den Erfolg der Gitarrennächte ausmacht: Jeder Abend ist anders und kommt auf seine eigene Weise völlig einmalig daher.

Entsprechend platzte der Musentempel fast aus den Nähten, als Boesser-Ferrari zum Auftakt eine weitere Kostprobe seines Könnens, zu dem in unseren Breiten nichts mehr gesagt werden muss, gab. Doch auch bei seinem Jubiläumsauftritt als Gitarrennacht-Gastgeber konnte der exzentrische Musiker mit der grauen Mähne und den üblicherweise so experimentellen Sounds überraschen: Neben der "Polarmusik" und "Floreana", die eben gerade diese Ausweitung der Gitarrenmusik zu einem Sound weit jenseits der üblichen klanglichen Räume des Instruments bestens illustrierten, brachte er mit einer zum Ragtime verfremdeten Version der Filmmusik zum Karl-May-Streifen "Der Schatz im Silbersee" ein fast ungewöhnlich traditionelles Beispiel, dass er nicht nur mit der Gitarre experimentieren kann, sondern auch das klassische Spiel beherrscht.

Weitaus mehr diesem klassischen Gitarrensound verschrieben und dennoch ein ganz außergewöhnlicher Hörgenuss: Der heute in München lebende Halb-Ägypter Ahmed El-Salamouny. Der Musiker, der so gerne perfekte gewebte, sanfte Klangteppiche um sich herum ausbreitet, der ohne jede Effekthascherei durch seine Bescheidenheit ganz hinter große Musik zurücktritt und der dennoch auf der Höhe der Zeit bleibt, hatte sich diesmal sein "Brazilian Project" mitgebracht: Der Gitarrist Pedro Tagliani lebt schon seit 1993 in Europa und steht dennoch als Synonym für modernen brasilianischen Jazz, ebenso wie der Percussionist Gilson de Assis trotz 25 Jahren in Europa nichts vom Rhythmus der Heimat Rio verloren hat. Zu dritt ging das "Brazilian Project" detailverliebt und liebevoll "back to the roots": Ein Spiel der feinen Nuancen, der schnellen, feingliedrigen Läufe. Recht melodiös, bisweilen fast liedhaft, immer aber mit viel Feuer, viel Gefühl und viel Herz spielten sich die Drei durch typisch brasilianische Tänze oder einen gewünschten "Regentag" am Strand. Dabei verzichteten sie auf jeden billigen Effekt und ließem die Musik als solche sprechen, wobei de Assis einfallsreiche rhythmische Begleitung mit manch unerwartetem Geräusch Akzente setzen und auch solistisch begeistern konnte.

Wie immer hatte Boesser-Ferrari aber auch diesmal wieder einen Leckerbissen im Programm, den keiner glauben konnte, ein "Highlight", das er jeweils ganz nonchalant aus dem Hut zaubert. Diesmal war es der irische Fingerstyle-Spezialist Eric Roche. Was dieser kleien junge Mann mit Zottelmähne – Autor der "Accoustic Guitar Bible" - da über die Bühne gehen ließ, das war noch nicht geboten: Ein unglaublicher Sound, dessen rhythmische Finessen und technische Brillanz eine unausweichliche Anziehungskraft ausübten gesellte sich zu einer so natürlichen Ausstrahlung, die Roche seinen gesamten Auftritt lang verkörperte. Da ist einer, der Macht Musik nicht wegen Ehre, Ruhm oder Reichtum, sondern um der Kunst und der Schönheit und der Wahrheit Willen. Diese Hingabe an den Ton, an die Musik und die damit erzählte Geschichte schüttet er über seinem Publikum aus, das in atemloser Stille lauscht, in einer Stille vor dem Sturm der Begeisterung, der im Applaus seine Bahnen bricht.

Ob er in zarten Tönen, weichen, vollen Akkorden "Deep, deep down" für seinen zweieinhalbjährigen Sohn spielt oder die wohl in einem Wienerwald ("Backhendl") eingegebene "Bach-Händel-Suite" – ob in ruhigen Titeln oder fetzigen Rhythmen, immer kommt Roche in einer fast hektisch wirkenden körperlichen Bewegtheit daher, die sich aber so gar nicht auf den ruhigen, ausnahmslos technisch brillanten Sound überträgt. Nur ein einziges Mal war es umgekehrt und der Hektiker, der sonst seinen Auftritt im Stehen absolvierte, nahm Platz, wurde ganz still - "With these Hands", ein nachdenkliches Gedicht, das er bereits vor seiner Krebserkrankung im letzten Jahr geschrieben hat und mit dem er dem Saal zurief: "Be greatful for everything you have. And for everything, you don’t have." Schade, wenn gerade in einen solchen Titel hinein wieder einmal ein Handy bimmelt.


Dennoch blieb das lange nachklingende Gefühl eines herausragenden Abends: Es gibt Dinge, die erlebt man immer wieder und doch verlieren sie nicht ihren Zauber - "Be greatful for everything you have".



Weitere Informationen im Internet unter http://www.ericroche.com, http://www.brazilian-guitar.de, http://www.pedro-tagliani.de, http://www.gilsondeassis.de und http://www.boesser-ferrari.de.