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Rafael Seligmann
Erschienen
Hitler. Die Deutschen und ihr Führer
04/2005
Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin
338 Seiten / € 22.- (als Taschenbuch beim gleichen Verlag für € 8,95)
Bücher zu den Themen Nationalsozialismus im Allgemeinen und der Person Hitlers im Besonderen füllen ganze Bibliotheken. Um es gleich zu Beginn zu formulieren: Dieses - im Vergleich zu den monumentalen Hitler-Biografien von Joachim Fest und Ian Kershaw - mit 338 Seiten verhältnismäßig kleine "Hitlerbüchlein" sollte an keinem Ort der Wissensbündelung fehlen. In 28 vorwiegend chronologisch angeordneten Kapiteln überschaubaren Umfanges setzt sich der Schriftsteller, Politologe und Historiker Rafael Seligmann mit Adolf Hitler und den Deutschen zu dessen Zeit auseinander.

Gleich zu Einstieg zitiert der Autor Heinrich Heine, der in seiner Abhandlung "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" in prophetischer Vorahnung einen "deutschen Donner" aufkommen sieht welcher die französische Revolution als harmlose Idylle aussehen lasse. Und in der Tat stellt sich Seligmann die Frage, warum die Deutschen in der überwältigen Mehrheit Hitler bis zum bittern Ende die Treue hielten. In brillanter Geschichts- und Kulturanalyse sieht der Autor eine Ursache in der Angst vor der Moderne, die sowohl die Deutschen, als auch deren Führer befallen hatte. Deutschland war damals einerseits weltweit mit führend in Forschung und Industrie, andererseits aber auch verhaftet in mittelalterlichen, romantischen politischen Vorstellung von "Scholle" und "Vasallentreue". Diese hin- und hergerissene Nation wurde zusätzlich getroffen von der keineswegs verarbeiteten Niederlage des Ersten Weltkrieges. Dabei zieht der Schriftsteller Vergleiche mit anderen Nationen, insbesondere mit den Italienern, denen es im Gegensatz zu den Deutschen gelang, sich ihres Führers zu entledigen, die Fronten zu wechseln und deren Generalität sich deutlich ernsthafter widersetzte, Juden zu verfolgen und den Deutschen auszuliefern.

Der Publizist arbeitet heraus, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit keinen größeren Antisemitismus hegten wie andere Nationen zu jener Zeit und dem Novemberpogrom des Jahres 1938 durchaus mit Distanz begegneten. Als sie aber während des Krieges eine Uniform anhatten, waren die Hemmschwellen schnell gesunken und es beteiligten sich nach Seligmanns Einschätzung 150.000 bis 200.000 Deutsche indirekt und direkt am Holocaust.

Die Hitlerdarstellung zeichnet sich ferner auch dadurch aus, dass Seligmann im Gegensatz zu Fest und Kershaw sich vor allem auch mit der sozialen Dimension des NS-Regimes auseinandersetzt, was vor allem zur Einschätzung der Legitimation und Stabilisierung von totalitärer Herrschaft von großer Bedeutung ist. So verhaftet in vorzeitlicher, archaischer Denk- und Verhaltensweise, so modern war Hitler, wenn es darum ging, die Bedeutung moderner Massenmedien und zielgerichteter Parteiarbeit zu erkennen. Die Zentrale der NSDAP in München war nach Meinung des Autoren die modernste und effektivste Europas - dank einer der zu dieser Zeit fortschriottlichsten Form von beginnender Datenverarbeitung aus dem Hause IBM.


Das Buch verzichtet bewusst auf umfangreichere Fußnoten, was sich positiv auf den Lesefluss auswirkt. Seligmanns Hitler-Buch gelingt die Balance zwischen Wissenschaftlichkeit und Darstellung für ein breiteres Publikum. Eine Besonderheit liegt auch darin, dass es eines der wenigen oder vielleicht sogar das erste Buch dieser Art ist, das kein Bild des Diktators selbst auf dem Cover zeigt. Um so mehr wirken die Worte Seligmanns.

PK