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Erschienen
"Mönchhausen-Syndrom" grassiert in Hockenheim: "Oropax" im "Pumpwerk"
04/2005
"Mach Platz, durch diese Gasse wird der Hohle kommen!" Nicht ganz geradlinig wurde da einer der großen Dichter und Denker zitiert. Wes irren Geistes Kind dies Wortspiel sei? Es sind die zwei Waisen aus dem Sorgenland, der Eine Latein-Liebhaber, der Andere Latin-Lover, die einzig würdigen Träger des legendären Brusthaar-Pelzmantels, die Archetypen geschwisterlicher Seelenverwandtschaft, kurz: Die Martins-Brüder. Unter dem Warennamen eines gängigen Lärmstoppers machen die beiden seit mehr als 20 Jahren mit Chaos-Theater Radau auf den Bühnen der Republik und finden mit instinktiver Sicherheit die Grenzen des guten Geschmacks, um sie unbeirrt und offenen Auges 108-prozentig zu überschreiten.

Eine weitere Kostprobe davon, was der Gesetzgeber unter "Verstoß gegen die guten Sitten" meint, gab "Oropax" Mitte März bei zwei ausverkauften Gastspielen im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" ("das ist ein schöner Raum: Ein Schick-Saal"): Zwei Stunden traten die beiden das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl aller billig und gerecht Denkenden mit Füßen. Die Körpersäfte und deren unterschiedliche Austrittsöffnungen wurden durchexerziert, der Schalk beim Nacken gepackt, um ihn bei gedrückter Spülung in die Schüssel zu versenken - "Nicht kleckern, sondern kotzen" war die reichlich propagierte Devise.

Mit diesem Rezept versammelter Unappetitlichkeiten fixten die Freiburger bereits mehrfach auch die Rennstädter an, zuletzt mit der vier Mal ausverkauften Vorpremiere ihres Programms "Der doppelte Halbbruder", das sie jetzt – in zwei Jahren evolutionär (oder eher sanitär) weiterentwickelt, um nicht "im 5. Wahlgang abgewählt" zu werden – kurz vor dem Abschluss noch einmal zum Besten gaben, gleichsam als Beweis, dass sie mehr als reine Verwandtschaft verbindet: "Er pisst, und ich habe eine nasse Hose".

Zugegebenermaßen schockt der zelebrierte Ekel auf der Bühne, die sich während einer Show traditionell in einen requisitentechnischen Trümmerhaufen verwandelte, im heutigen Comedy-Umfeld nicht mehr ganz so sehr: Früher war "Oropax" das Härteste, was in der Trash-Comedy zu finden war, heute haben sich viele der ehedem altbackenen Kollegen des Genres zumindest geistig den beiden Vorreitern genähert.

Dennoch: Die Fans lieben "nur Thomas" und "immerhin Volker" abgöttisch. Vielleicht, weil die beiden nach wie vor das offerieren, was in unserer medialen Welt, in der nur Nadelstreifen und Glitzer-Make-Up etwas zu zählen scheinen (oder hat schon mal ein Kommentator von den "herrlich farbenfrohen Augenringen des Kanzlers" geschwärmt?), so schwer in die Tat umzusetzen ist: Das Archaische, das Tierische im Menschen, das "Ich kratz mich am Sack, einfach weil es juckt". "Oropax" verkörpert eine Welt, die es in sich hat, die zwar ohne Geist auskommt, dafür aber umso mehr Spaß bietet: Ein Tanga wärmt nicht, aber er macht heiß! So versammelten sie auch bei diesem Auftritt wieder alles, was unter die Gürtellinie geht, selbst, wenn man die als Schnürsenkel trägt: Vakuumverpackter Fleischkäse diente unter diesen Umständen folgerichtig mal als Talisman, mal als Erfrischungstüchlein und "Wetten dass" wurde um die unschlagbare "Röstzwiebel-Erbeerjoghurt-Rülpser-Wette" ("Die Röstzwiebel ist der Jedi unter den Gerüchen") erweitert: "Ihr wisst noch gar nicht, wo die Peinlichkeit anfängt", gilt für die Jünger der beiden Brüder als Anfeuerruf. Und direkt danach nimmt der leckere Milchschaum auf dem Kaffee erst einmal den Weg durch den Nasen-Rachenraum des Brüderchens: "Ich wollt mich bei Dir einschleimen!"

Es sind eben diese hintersinnigen Wortscharmützel, die – neben der grandios ekligen Performance – für die fast abgöttische Liebe der "Oropacis" sorgen. Dann kommt der Steinzeitmensch von einer "Mammut-Veranstaltung" und braucht nach der Verletzung einen "Pflaster-Stein", dann hat die Begleitung des ins Scheinwerferlicht gezerrten Besuchers ("Oropax" hat auch immer eine Note von "Russisch Roulette") mit dem glatzköpfigen Thomas den "Pferdeschwanz" gemeinsam, das "Froschkönig"-Märchen wird um den sinnstiftenden Satz "Du bist ja ganz glitschig, vielleicht ist ja auch dein Glied schick" erweitert und die kultige Figur "Herr Pinski" darf als Motivation für seine Kunst "Ich muss pissen" sagen: "Das findet in Schiffer statt, damit mein Pumpwerk mich entleeren kann". Lokalkolorit lässt grüßen. Von der menschlichen Basisausstattung zur sanitären Ausstattungsbasis braucht es zumindest beim "Urinstinkt" nur einer Verschiebung des Initialakzents nach hinten – "Ich sags nur einmal, ich merks mir aber zweimal".


Wieder haben Thomas und Volker Martins auf den guten Geschmack eingeballert wie man das sonst nur von den Amis im Irak kennt. Wieder haben sie damit die Herzen und vor allem den Verstand ihrer Zuschauer im Handumdrehen gewonnen: "Man muss nur rechtzeitig das Gehirn abschalten!" Und wieder haben sie einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des klinischen Wörterbuchs "Pschyrembel" geleistet: Seit dem vergangenen Wochenende irren nämlich mehr als dreihundert in braune Bademäntel gekleidete und mit Adventskränzen behütete Menschen durch Hockenheim, die infolge einer hohen "Oropax"-Dosis glauben, sie wohnten zur "Eri-Miete in Zöli-Küche, Zöli-Wohnzimmer, Zöli-Bad". Der einzige Zustand völliger geistiger Leere, in dem man sich zur Erholung den Rinderwahn wünschen kann: Das "Mönchhausen-Syndrom".



Weitere Informationen im Internet unter http://www.oropax.de.