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Erschienen
Bewegende Geschichten in "Deutschem Folk": "Tandaradei"
05/2005
Um das Ungewöhnliche schätzen zu lernen, ist bisweilen der Mut zum Neunen unabdingbar. Das konnten einige wenige MutigeMitteMärzim Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" erleben: Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums der Volkshochschule hatte deren Leiter Winfried Klein in den Musentempel zu einem Konzert der Kraichtaler Gruppe "Tandaradei" eingeladen, um einmal "etwas anderes" in die Rennstadt zu holen.

Nicht gerechnet hatte er dabei wohl mit der Resistenz der Hockenheimer gegen alles Neue: Gerade einmal fünf Rennstädter waren ins "Pumpwerk" gekommen, um der neuen Alten Musik die Ehre zu geben. Glücklicherweise hatte "Tandaradei" einige ihrer in der eigenen Region zahllosen Fans dabei, sodass es der Stimmung jedenfalls keinen Abbruch tat.

Der Name der Fünfmann-Truppe könnte die Vermutung nahelegen, hier frönten ein paar Mittelalter-Fans dem Minnesang (Walter von der Vogelweides mittelhochdeutsches Gedicht "Unter den Linden" dürfte dazu Einiges beigetragen haben); in Wirklichkeit aber folgen die beiden Frauen und drei Männer einem zwar durchaus traditionsreichen, nicht aber mittelalterlichen Pfad – die Musik von "Zupfgeigenhansl" hatte es ihnen angetan, als sie sich zusammenfanden. Das Duo, das bis Mitte der 1980-er Jahre das Folk-Duo schlechthin war und einen unglaublichen Erfolg feiern konnte, hatte sich dem "Deutschen Folk" verschrieben, der viel mehr ist, als es das Wort "Volksmusik", das inzwischen durch Karl Moik und Heino etwas in Mitleidenschaft gezogen ist, ausdrücken kann: Es geht um eine Musik, die sich aus der Tradition speist, die inhaltlich, vor allem aber musikalisch ihre Wurzeln kennt, ohne in diesen allein verhaftet zu sein.

So präsentierte "Tandaradei" bei ihrem Hockenheimer Konzert eine Mischung aus eigenen Liedern, alten und neueren "Fundstücken" und auch einigen Liedern aus bretonischen oder irischen Gefilden. Tänzerisch ist ihre Musik immer, mitreißend auf jeden Fall. Und keineswegs beliebig: Die Themen sind zwar etwas Austauschbar und drehen sich um das, um was es in der Folkmusik immer geht: Liebe, Natur, örtliche Geschichte. Sie erzählen mit dem Totentanz "Es führt über den Main" von einer ungewöhnlichen Brückenmaut ("wer darüber will gehen, muss im Tanze sich drehn"), mit "Belle Madeleine" von Gauguins Modell oder die durchaus barbarische Geschichte des "Bettelvogts von Heidelberg".

Sehr beeindruckend und aus der eigenen Feder "Spaza camino" über Kinder, die ehedem in armen Landstrichen auf Jahre in die Fremde verkauft wurden, wo sie arbeiten mussten. Die Geschichte nach dem Buch "Die schwarzen Brüder" von Lisa Tetzner konnte in der bewegenden Geschichte, aber auch in jedem der herzzerreißenden Töne ebenso punkten, wie die Geschichte des Bassisten – im "wahren Leben" Lehrer an einer Hauptschule - über einen seiner Schüler: "Igor" träumt, wenn die anderen lachen, seinen Traum von seinem Lieblingsbaum, dem eigenen Pferd und den Blumen im eis der verlorenen Heimat.

Ohne Frage ist es die emotionale Präsenz, die das faszinierende Element "Tandaradeis" darstellt: Da stehen fünf Menschen auf der Bühne, denen es nicht zuallererst auf hohe Kunst ankommt, sondern die Geschichten erzählen wollen. Und das in einer Sprache, die auch der "Normalmensch" verstehen kann. So brechen sie – wenn die Damen die Bühne verlassen haben – einen Stab für die Mundart. Im Kraichtaler Dialekt gehts dann um den "Sturm-Friseur" und um Zeiten, in denen man "zum Friseer net gonne, sondern gschickt worre" ist: "Un dann hot er gschnipflt und gar net erscht gfrogt". Es wird mit dem "Walking Blues" erklärt, warum "Nordic" auf dem Land unmöglich ist ("Hot der die Ski vergesse?!") und mit dem "Sprooche Talking Blues" versichert, dass trotz der vehementen Forderung der Kinder ("Vadda, du brausch ä Update fer die Sprooch") und der Erkenntnis "Du musch heid Englisch schwetze, um Deitsch zu kenne" die Mundart doch das höchste Glück bleibt.

"Tandaradei" beeindruckte in Hockenheim mit einem reichen Instrumentalschatz: Neben Standards wie Bass, Gitarre und Akkordeon brachte vor allem Roland Leibold eine ganze Menge weiterer Instrumente, darunter Mandoline, Gambe und Dulcima, ins Spiel. Eine ganz gehörige Portion des besonderen Charmes der Truppe trug das spannende, tiefgründige und packende Flötenspiel Ursula Singers bei, die im Duett mit der Sängerin Ursula Schäfer auch gesanglich überzeugen konnte. Stimmlich etwas schwerer verdaulich dagegen Franz Singer und Peter Weickgenannt, wobei der Letztgenannte dafür mit humorigen Zwischentexten die Titel in das rechte Umfeld rückte.


Bedauerlich bleibt nach dem rund zweistündigen Programm das Bedauern, dass nicht mehr Zuhörer gekommen sind: "Tandaradei" bringt durchaus alles notwendige mit, um mehr Erfolg auch in unserer Region zu haben. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: "S ist vorbei mit dem Markt, Leut, jetzt müsst ihr gehen, übers Jahr, dann beim Markt, werden wir uns wiedersehn".



Weitere Informationen im Internet unter http://www.tandaradei-folk.de.