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Erschienen
Glückwunsch Dr. Kohl
04/2005
Er gehört zu den prägendsten und zugleich umstrittensten politischen Gestalten der Bundesrepublik. Helmut Kohl feiert heute (03. April) seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmet die „Parnass“ dem am längsten regierenden Kanzler des 20. Jahrhunderts, dessen Name einer ganzen Ära den Namen gab, einige Zeilen.

Helmut Kohl, promovierter Historiker, wuchs in der Industrie- und Chemiestadt Ludwighafen am Rhein in den 1930er Jahren auf. Zu jung, um in die Verbrechen des Nationalsozialismus verwickelt zu sein, aber alt genug (15 Jahre bei Kriegsende 1945), um Lehren aus Diktatur, Krieg und Holocaust zu ziehen. Kohl war später derjenige, der die Worte von der „Gnade der späten Geburt“ prägte - und selbst stets für Versöhnung und Frieden eintrat.
Als Mitbegründer der Jungen Union in Rheinland-Pfalz wurde sein politisches Leben durch sein frühes Engagement in der CDU begründet. Dabei steht er wie kein zweiter für den Berufspolitiker, der alle Stufen in der Partei durchlaufen hat. In dieser Karriere war er immer der Jüngste: Ministerpräsident von Rheinland Pfalz mit 39, Bundesvorsitzender seiner Partei mit Anfang 40, Bundeskanzler mit 52.

Ein Liebling der Medien war Helmut Kohl nie. In den 1970er Jahren wurde unter Verlagshäusern aus Hamburg kolportiert, „wenn wir den in 6 Wochen nicht runtergeschrieben haben, haben wir unser Beruf verfehlt“. Immerhin hat dieser auch immer wieder für neue Gelegenheiten gesorgt: Sei es bei seinem verunglückten Vergleich zwischen Michael Gorbatschow mit Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels oder bei seinem längst zum Schlagwort gewordenen „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ - Kohl setzte sich trotz all der Unkenrufe, die den Pfälzer nach seiner Wahl als tumbes Beispiel deutscher Mittelmäßigkeit verspotteten und gänzlich unterschätzten, dennoch durch.

Im Laufe seiner vielen politischen Jahre wurde er zum „Patriachen“ der CDU, der dabei niemals die Bodenhaftung verlor und - ob US-Präsident oder einfaches Parteimitglied - durch seine menschliche Art brillierte. Europäer von Hause aus, trat er für die europäische Einigung ein und ist ein Vater des Euros. Zu den bleibenden Verdiensten des Alt-Kanzlers gehören neben seinem vehementen und steten Eintreten für Europa die Durchsetzung des Nato-Doppelbeschlusses auch gegen Massenproteste auf der Straße in den 1980er Jahren und das Festhalten an der begonnenen Deutschlandpolitik. In die Geschichtsbücher aber wird Helmut Kohl vor allem für sein „Greifen des Mantels der Geschichte“ zur Zeit des Unterganges des Kommunismus in Europa eingehen: Auch gegen Widerstände aus dem eigenen Lager setzte er die Deutsche Wiedervereinigung durch: „Kanzler der Einheit“, dieser Titel wird für alle Zeiten mit Helmut Kohl in Verbindung gebracht werden.

Daran werden auch die Ereignisse um die CDU-Spendenaffäre 1999/2000 nichts ändern: Nach wie vor bleibt Kohl bei seinem Schweigen zur Affäre; den finanziellen Schaden dafür hat er der CDU mehr als ersetzt. Und die Mutterpartei, die ihn einstmals versteckte, hat ihn gerade jüngst wieder mit viel Stolz hervorgeholt – Kohl ist wieder in der Mitte der CDU, die man sich ohne ihn kaum vorstellen kann. Ob Spendenaffäre oder im jüngeren Streit um die Stasiakten, Kohl bleibt sich treu.

Insofern bleibt es auch eine Besonderheit, dass kein Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte nach dem Ausscheiden aus dem Amt so im Bewusstsein der Bevölkerung blieb, wie Helmut Kohl nach der verlorenen Bundestagswahl 1998.


Helmut Kohl ist aus der Geschichte der Bundesrepublik und aus der Geschichte der CDU nicht mehr auszuradieren.

Bei aller Kritik, die Kohl auf sich gezogen hat, bleibt uns dennoch an diesem Tag vor allem, seine Leistungen zu würdigen: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Bundeskanzler“.