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Henning Ritter
Erschienen
Nahes und fernes Unglück.
Versuch über das Mitleid
05/2005
C.H. Beck Verlag, München
224 Seiten / € 19,90
Was zeichnet den Menschen aus? Wer und was ist der Mensch? Mitleid und die Fähigkeit zu dieser Gefühlsregung ist nach Henning Ritter ein unverwechselbares Kennzeichen von Menschsein. Der Autor führt in seinen Ausführungen den Leser auf Reisen in das geistige vorrevolutionäre Frankreich. Balzac, Diderot und Rousseau mit all ihren Facetten lässt Ritter auferstehen und bietet gleichzeitig eine fulminante Einführung in die französische Literaturgeschichte.

Im ersten von vier Kapiteln geht der Autor einer Frage nach, die sich in unterschiedlichster Form wie ein roter Faden durch das ganz Buch zieht: Wie reagiert ein Mensch, wenn er - im Bewusstsein nicht verantwortlich gemacht zu werden - am anderen Ende der Welt nur durch den puren Willen töten und das rechhaltige Erbe antreten kann? (Geschichte des chinesischen Mandarin)

Ritter präsentiert und interpretiert die gesamte Bandbreite menschlicher Verhaltensnormen und weist nach, dass Geographie für die Mitleidsfähigkeit eine enorme Rolle spielt.

Auch in der Parabel des humanen Londoners von Adam Smith zeigt Henning Ritter, verantwortlicher Redakteur für das Ressort Geisteswissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie sehr Mitleid über das Unglück Anderer nachlässt, wenn die Menschen selbst im kleinsten Sinne Unglück erfahren. Im vorliegenden Fall empfand der humane Londoner Mitleid über eine Katastrophe in China welche sich aber sofort in Gleichgültigkeit umwandelte, als er sich an seinem Finger verletzte.

Aber auch der Umgang mit Katastrophen bei gleichzeitiger Entstehung von Massenkommunikation im 17. und 18. Jahrhundert ist ein Thema, mit dem sich der Autor beschäftigt. Die Zerstörung Lissabons durch ein Erdbeben 1755 war ein epochales Ereignis, welches nicht nur Philosophen beschäftigte: Sie Menschen fragten sich, wie Gott soetwas zulassen konnte.


Henning Ritters Buch besticht durch seine Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit. Die 43 Unterkapitel kurzen Umfangs lesen sich auch separat gut. Die Sprache Ritters besticht durch eine Art von schwebender Leichtigkeit gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Süffisanz.

PK