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Erschienen
"Kabinett der Hingabe" präsentiert "Polka für die Welt"
05/2005
"Tanz und Sex ist das selbe – jedenfalls wenns richtig gemacht wird". Den eindrücklichen Beweis für ihre These haben die "Hohepriester des PolkanRoll" am vergangenen Freitag Abend im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" zelebriert, als die vier Mannen um Bandleader Stefan Hiss den Musentempel in einen orgiastischen Hexenkessel verwandelten, wo sich in schweißschwangerer Luft zuckende Leiber ekstatisch den Rhythmen hingaben. Nun zählt unsere Region ja nicht eben zu den Hochburgen ausgelassenen Bewegungsdranges, doch "HISS", das "Kabinett der Hingabe", hat aus Hockenheim eine Enklave des Polka-Wahnsinns gemacht - wild setzten die Rennstädter und die vielen Gäste, die aus der gesamten Region ins "Pumpwerk" geströmt waren, um ihren Idolen zu huldigen, das in die Tat um, was "Los Gigantes" zum Grundgesetz ihres "Freien Tanzlandes" erhoben haben: "Wackel mit dem Hintern, hebe deine Beine, tanz mit irgend jemand oder tanz alleine; Du kannst hüpfen oder zucken, schweben oder bängen, bewege deine Arme oder lass sie hängen - ABER TANZ!"

Es ist eben gerade diese ungehemmte Lebensfreude, mit der die HISStoriker auf dem Altar ihrer Idole der freien Liebe zur angerockten Polka frönen: "Das muss ein tolles Gefühl sein, wenn man seinen Göttern beim Wirken zuschauen darf". Und tatsächlich hat die Hingabe, mit der wahre HISS-Fans auch diesen Abend in der Rennstadt wieder zu einem wilden Tanz auf dem Vulkan machten, einen Hauch von Anbetung. Das könnte daran liegen, dass die Fünf, die in diesem Jahr ihr Zehnjähriges feiern, unter sich und mit ihren Jüngern mehr sind als eine Band: Eine Schicksalsgemeinschaft, ein Freundeskreis. Auch eine Art Partei, deren einziger Programmpunkt so umfassend ist, dass er auf breiteste Massenzustimmung trifft: Lebe und lebe im Taumel der Musik!

Immer mehr Menschen konnte Stefan Hiss als "Desperado der Polka" lehren, dass sich hinter dem musikwissenschaftlich trockenen Paarrundtanz im 2/4-Takt, der um 1830 in Böhmen aufkam und sich durch einen charakteristischen Halbschritt auszeichnet, eine Lebensphilosophie verbirgt: "Das Leben ist ein Rodeo, mal läuft es glatt, mal läuft es schief".

Das jüngste Programm, das "HISS" in alter Manier in einem fast zweieinhalbstündigen Marathon-Konzert vor vollem Haus und ohne Pause präsentierte, war ein Streifzug durch die Hymnen und Kultsongs der Band – wobei sie es da leicht hat, weil mit ganz wenigen Ausnahmen ein jeder "HISS"-Titel zum Kultsong avanciert. Gerade mit der jüngsten CD "Polka für die Welt" hatte man sich mehr noch als zuvor der Gefahr gestellt und trotz Gegenrede der Ärzte, die bereits Askese von der "Dreifaltigkeit des deutschen Partywesens" ("Kalte Platten, Schnaps und häufig wechselnde Beziehungen") anmahnten, fremde Kulturen aufgesucht, um deren Klänge in das eigene Spiel mit einzubeziehen. Herausgekommen sind dabei mit "Tsihi tsihi" eine Huldigung an finnische Skispringer ("Das ist Mut, das ist Courage, das ist Dummheit"), mit "La Cantinera" ein Einblick in den mexikanischen Alltag, wo Männer sich ausschließlich wegen ihrer untreuen Gattinen besaufen und mit "Who stole the Kishka", einer spannende Geschichte um verschwundene Wurstware, eine "polnische Polka, die wir in Amerika gehört haben, wo sie von blutjungen Jamaikanerinnen hingebungsvoll vorgetragen wurde".

Darüber zu spekulieren, woher der grandiose Erfolg der Formation kommt, ist schwierig. Manche Phänomene existieren einfach, auch wenn man sie nicht abschließend begründen kann. Auf jeden Fall gehört aber dazu, dass "HISS" auch im Neuen immer einen Schimmer des Wohlbekannten durchscheinen lässt. So tun auch die jüngsten Ausflüge in musikalische Grenzregionen dem klassischen "HISS"-Sound keinen Abbruch: "Hab von der Heimat mich entfernt und auf die harte Tour gelernt, dass keiner so wie ich die Polka spielt", predigen sie folgerichtig in ihrem Titelsong zur neuen CD "Polka für die Welt". Die Grundkomponenten bleiben gleich und schaffen so etwas wie Vertrautheit: Die halsig-kultige Stimme und das rassige Akkordeon des "Hohepriesters der Handharmonika" Stefan Hiss, der wummernde Beat des "Pauken-Papstes" Patch Pacher, der gemeinsam mit dem "Vorsitzenden des Ältestenrates" Volker Schuh das rhythmische Grundgerüst liefert, auf dem dann explosive Gitarrenexperimente von Thomas "der Grundgute" Grollmus und die satte Mundharmonika Michael "Diavolo" Roths aufsetzen können. Gemeinsam kultivieren sie einen Affront gegen klassische Philosophie und Psychotherapie ("Wer die falschen Fragen stellt, bekommt auch die falschen Antworten") und versetzen statt dessen lieber Liebeslieder in ein Pistolero-Milieu ("So wie Du traf mich noch keine: Zwischen die Augen, zwischen die Beine und mitten ins Herz"), bieten für die intellektuellen Geister "Schunkeln mit Schopenhauer" an ("Tanz mit der Dor"), stellen sich auch harten Themen mit ausreichender Gelassenheit ("Sie braucht das ganze Bett, ohoho, meine Frau ist fett") und bieten unkonventionelle Lösungen ("Hebt euer Glas und trinkt auf die Toten, singet und tanzet und lacht").


Der feuchte, vor allem aber fröhliche Abend mit der Kult-Band war wieder einmal "ein Fest, das uns alle ein wenig altern lässt": "Vergelts Gott".



Weitere Informationen im Internet unter http://www.hiss.net und auf einer liebevollen Fanseite: http://www.hiss-fans.de.