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Patrick Dondelinger
Erschienen
Die Visionen der Bernadette Soubirous
und der Beginn der Wunderheilungen in Lourdes
05/2005
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
264 Seiten, 36 S/W Abbildungen / € 24,90
Es gehört - insbesondere besonders seit dem Zeitalter der Aufklärung - zu den unverwechselbaren Wesenszügen des Menschen, den Ablauf der Welt mit Wissenschaft, Vernunft – Ratio - zu erklären zu suchen.

Aller Wissenschaftsgläubigkeit zum Trotz ist dem Menschen ein Verhaftetsein in der Erwartung nach sprichwörtlichen Zeichen und Wundern geblieben.

Eines der berühmtesten Zeichen und Wunder des Abendlandes geschah um die Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts in Frankreich abseits des Pyrenäenstädtchens Lourdes.

Dem jungen, aus sozial schwachem Haushalt stammenden Mädchen Bernadette Soubirous erschien in Visionen "Etwas", das sich nach mehrmaliger Befragung als "unbefleckte Empfängnis" offenbarte.

Autor Patrick Dondelinger geht dem Phänomen Lourdes, das sich zu einem der am häufgsten besuchten Wallfahrtorten der Welt entwickelte, auf wissenschaftlichen Weg nach. Das vorliegende Buch entstand aus einem Forschungsprojekt des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg im Breisgau. In acht Kapiteln hinterfragt der promovierte Theologe und Religionswissenschaftler die Vorgänge in und um Lourdes sowie besonders um die Person der Bernadette Soubirous, die 1933 vom Vatikan heiliggesprochen wurde. Gekonnt stellt der Autor mit Lourdes die direkte räumliche Umwelt, aber auch die soziale und kulturelle Lage der Soubirous vor. Die Lebensgeschichte der Bernadette, ihre Ängste und körperlichen Gebrechen, die heutzutage schwer vorstellbare Armut der Menschen, aber auch die Bedeutung von Religion und insbesondere die Jungfrauenverehrung in Frankreich umreißt der Autor in sprachlich gut verständlicher Weise und im metaphorischen Sinne flüssig.

Nach den deskriptiven Schilderung der 18 Visionen zwischen Februar und Juli 1858 kommt der Theologe zum Kern des Buches, mit dem er sich an der Deutung der Visionen versucht. Umfassend (mit 90 Seiten das umfangreichste Kapitel) durchleuchtet der Professor für Humanwissenschaften die "Seherin" aus allen Blickwinkeln. Dabei ist zu bedenken, dass - trotz der Anwesendheit von tausenden von Menschen an der Grotte zu Lourdes - nur das junge Mädchen die Erscheinung sehen konnte. Marienerscheinungen, dies zum besseren Verständnis, waren gerade in dieser Zeit nicht eben eine Besonderheit, denn Erscheinungen hatten nicht nur in Frankreich Konjunktur. Dondelinger kommt zur Auffassung, dass Bernadettes Vision eine Art Ausdruck innerer unbewusster Halluzination war und erklärt dies anschaulich an der Situation des Mädchens, ihren Ängsten und Krankheiten. Sie war Analphabetin, trotz Erstgeburt ihren jüngeren Geschwistern körperlich und geistig unterlegen und hatte Angst, nicht zur Erstkommunion zugelassen zu werden. Erst durch die Visionen wurde sie anerkannt und in einen Orden aufgenommen. Materiellen Vorteile wollte Bernadette sich nicht verschaffen, was nach Auffassung Dondelingers ein Hauptunterschied zu den anderen "Seherinen" war und Bernadette eine Art von Legitimation selbst vor der Institution Kirche gab - Selbstlosigkeit als Anreiz die Vorkommnisse in Lourdes anzuerkennen. Bernadettes Rolle als Heilerin, ihre Situation als kranke gebrechliche Frau, die im Alter von 35 Jahren verstarb, die Wunderheilungen von Lourdes mit dem berühmten "Heilwasser", das nach wissenschaftlichen Befunden keine besondere Kennzeichen besitzt, - das alles rundet das durchaus gelungene Buch ab.


Patrick Dondelinger entschlüsselt Bernadette Soubirous und entzaubert Lourdes ein wenig. Es ist erstaunlich, dass ein Theologe und Religionswissenschaftler die Vorgänge in und um Bernadette, in und um Lourdes auf sachlicher, nüchterner Ebene offenzulegen versucht. Warum aber Bernadettes Leiche nicht verwest ist (keine künstliche Aufrechterhaltung des Leichnams), dieser Frage geht der Autor nicht nach. Die Quelle des Glaubens bleibt bestehen.

PK