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Erschienen
Der Welttag des Buches
Oder
30 Stunden in einem Comicladen
05/2005
Das Buch an sich ist nicht nur Kulturgut sondern natürlich auch Ware. Und die soll unters Volk gebracht werden. Aber wie begeistert man eine durch neue Medien vom Buch abgekommene Bevölkerung für schnödes Papier mit Buchstaben drauf? Am Welttag des Buches darf man verschiedene Lösungsansätze bewundern. Mit dem 30-Stunden-Arbeitstag haben die Leute vom Heidelberger „Fun Fiction“ sicher die Fantasie von Arbeitgebern beflügelt.

Damit 1800 Minuten gar nicht langweilig wurden, gab es ein abwechslungsreiches Programm mit Spielbüchern, Buchillustratorin, Fans des Buches mit der Sprechblase, zerrissenen Büchern und echten Buchautoren.

Normalerweise leisten Bücher bekanntlich der sozialen Verarmung der Leser Vorschub. Doch nicht alle Bücher isolieren den Konsumenten. Die Regelwerke von Rollenspielen zwingen die Spieler geradezu, miteinander Abenteuer zu erleben. Wer das nicht glauben kann, hatte im ersten Aktionstag Gelegenheit, genau das zu erfahren. Und keine Angst, an den Spieletagen bei Jan Hartmann werden besonders die Neulinge freundlich empfangen, es könnten ja Kunden – aber vor allem neue Fans des Rollenspiels sein. Bis über den Sonnenuntergang hinaus wurde also gewürfelt, besprochen, nachgelesen und gespielt.

Doch für das Fun Fiction Team gab es kein Ausschlafen, am nächsten Tag – dem eigentlichen Welttag des Buches – ging es schon früh los. Die in Fankreisen bekannte Illustratorin Sabine Weiß war samt Zeichenutensilien und vor allem ihrem einzigartigen Mimenspiel im Laden leibhaftig anwesend. Wer wollten konnte nach Ableistung monetärer Opfergaben seine ganz persönlichen Wünsche äußern, die dann von leichter Hand in einzigartige Aquarellbilder umgesetzt wurden. Eine Zauberin mit dem eigenen Konterfei hat nicht jeder zuhause, halt ein echtes Original.

Ab 14 Uhr versammelte sich dann der erste Heidelberger Stammtisch im hinteren Teil des Ladengeschäfts. Sieben Jünger der Sprechblase fachsimpelten über Verlagspolitik, Zeichentechniken und Lieblingscomics. Mitgebrachte Leckereien und der kostenlose Fun Fiction Kaffee ließen schnell eine sehr vertraute Stimmung aufkommen. Und der nächste Termin für den Stammtisch steht auch schon, noch sind einige freie Plätze vorhanden.

Dem Buch als Ausdruck intellektueller Kunst wurde die anschließende Performance von Markus Schröder gerecht. „Nicht gelesene Bücher sind tot“ – so eine der Thesen, die der Aktion zugrunde lagen. Ungesetzt wurden die Ideen durch verfremdete Büchergeräusche und einer zuerst interessierten, dann immer mehr aggressiven Auseinandersetzung mit dem Buch. Nach etwas acht Minuten blieb ein beeindrucktes Publikum und ein Haufen Papier zurück.

Und auch der letzte Teil des Arbeitsmarathons des Fun Fiction Teams ließ ein weiters Mal den Platz im Heidelberger Comic/Science Fiction/Hörbuchladen eng werden. Gleich drei ortsansässige Autoren lasen aus ihren Büchern. Es gab Jürgen Romaincziks "Vampirwinter" gefolgt von Stephan Bellems "Palladin" und abgeschließend Armin Rößlers Roman zum Demonwright Universum "Portal der Dimensionen". Und zum ersten Mal senkte sich neben der Stimme des Vortragenden andächtige Stille über diesen nicht alltäglichen Buchladen.


Auch wenn das Verkaufen für ein Geschäft an erster Stelle stehen muss, nach dreizig Stunden fast pausenloser und seines Gleichen suchender Abwechslung fühlt man sich hier als Kunde angenehmst umworben, beraten und verwöhnt.

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Die Bildergalerie: