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Jörg Kunkel, Thomas Schuhbauer (Hg.)
Erschienen
Justizirrtum!
Deutschland im Spiegel spektakulärer Fehlurteile
06/2005
Campus Verlag GmbH, Frankfurt/M.
238 Seiten / € 24,90
Lebenszeit auf ein paar Quadratmetern hinter Gittern zu verbringen und das auf der Basis von Fehlurteilen - diese misslichen Fälle gehören zu den unrühmlichen Aspekten der Rechtsgeschichte. Sechs Justizirrtümer der deutschen Nachkriegsgeschichte präsentieren der Dokumentarfilmer Jörg Kunkel und der promovierte Historiker Thomas Schubauer und haben begleitend zu einer Dokumentarreihe in der ARD das dazugehörige Buch herausgegeben.

Die einzelnen Fälle werden von sechs verschiedene Autoren - die Herausgeber gehören nicht dazu - in Form je eines größeren Aufsatzes von rund 40 Seiten geschildert. Bis auf einen bewussten Justizirrtum aus der DDR, mit dem der Autor dieses speziellen Beitrags deutlich macht, dass das gesamte Rechtssystem dieses untergegangenen Gemeinwesens ein großer Irrtum war, thematisieren alle andere Fälle aus der bundesrepublikanischen Rechtsgeschichte, die durch bisweilen beachtliche Aktuallität auffallen, wie den Fall ein Mannes, der angeblich seine Frau stranguliert haben soll. Das Buch zeigt Unzulänglichkeiten von Richtern und Staatsanwälten, die den alten Grundsatz "in dubio pro reo" (im Zweifel für den Angeklagten) völlig außer Acht ließen, aus dem Bauch entschieden und öffentlicher - zumeist veröffentlichter - Meinung nachgaben. Auch gesellschaftsgeschichtlich ist das Werk von Interesse. Anschaulich zeigen gerade die ersten Fälle, wie sich das Moralempfinden in den letzten Dekaden verändert hat. Bei "Die Leiche ohne Kopf" wurde einer Frau, die unter der Anklage stand, ihren Ehemann ermordet zu haben, ihr ausschweifendes außereheliches Sexualleben stereotypenhaft vorgeworfen. Sicherlich kein Einzelfall in den 1950-er Jahren. Ihr Ehemann jedoch war seinem eigenem Geschlecht zugewandt und Manfred Uhlig, der Autor des besten Beitrages innerhalb des Buches, macht deutlich, wie tabuisiert Homosexualität in den Jahren der Nachkriegszeit war, als es im Strafgesetzbuch noch den Paragraphen 175 gab, welcher diese Neigung unter Strafe stellte und Menschen teilweise in den Selbstmord trieb. Spuren aus dem Homosexuellenmilieu wurden in diesem konkretem Fall nur wenig enthusiastisch verfolgt.

Es soll nicht zuviel verraten werden, denn das Buch liest sich hervorragend und manchmal spannender als jede Fiktion. Der Fall der Eva Mariotti hat alles: Eine schöne Frau aus gutem Hause und mit exotischem Namen, in ihrer ursprünglichen Heimat Prag verwickelt in NS-Vergangenheit, Flucht in das zerstörte Nachkriegshamburg, Schwarzmarktmilieu, Sex, eine reiche ermordete Witwe und einen Täter, der angeblich Mariotti hörig war und in ihrem Auftrag die reiche Witwe Moser ermordet haben soll. Bis der Fall abgeschlossen werden und die Mariotti als frei Person das Gericht verlassen konnte, vergingen Jahrzehnte.

"Aftersex" oder nicht spielt eine wichtige Rolle im Fall eines Mannes, der fast 15 Jahre seines Lebens wegen eines angeblichen Sexualmordes im Gefängnis saß - bis nach vielen Irrungen und Wirrungen feststand, dass die junge Frau nicht erwürgt wurde, sondern beim einvernehmlichen Geschlechtsakt schlichtweg einem Herzinfarkt erlegen ist. Es muss allerdings angemerkt werden, dass die Angeklagten oftmals auch ungeschickt agierten und ihre Lage dadurch nicht vorteilhafter aussehen liesen.

Wie im Fall der kopflosen Leiche oder der strangulierten und mit lebenslänglichen Schäden überlebenden Polizistin konnten auch der oder die Täter eines vergewaltigten und ermordeten Mädchens aus Norddeutschland nicht ermittelt werden. Ermittlungspannen und das Verschwinden von Tatortspuren haben dazu geführt, dass ein Mann irrtümlich in Haft war.


Justizirrtum zeigt, wie kleine Pannen summiert zu gigantischen Fehlurteile führen können und Menschen unschuldig über Jahre und Jahrzehnte hinter Gitter einsitzen. Die Qualität der einzelnen Beiträge sind unterschiedlich. Die Spannbreite reicht von Autoren, die Realität beinahe romanesk und spannungsgeladen im Geschmack eines Thrillers darbieten können und solchen, die instakkatohaft monotonem Stil eines Polizeiprotokolls schreiben. Die Lektüre des werks aus dem Campus-Verlag ist aber dennoch unbedingt zu empfehlen, da sie zeigt, wie schnell sprichwörtlich Jedermann unschuldig hinter Gittern landen kann.

PK