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Klaus Völker
Erschienen
Bernhard Minetti
"Meine Existenz ist mein Theaterleben"
06/2005
Propyläen-Verlag, München
289 Seiten / € 49.-
Bernhard Minetti gehört zu den Theatergiganten der deutschsprachigen Bühnen im 20. Jahrhundert. Aus Anlass des hundertsten Geburtstags Minettis (1905-1998) ist in Zusammenarbeit mit dem Archiv der "Akademie der Künste" Berlin eine von Klaus Völker bearbeite Bildbiographie über den Künstler erschienen, der an die sieben Dekaden seiner Profession mit Verve nachging.
Völker, einem der führenden Theaterkenner des deutschsprachigen Raums, gelingt in diesem wahrhaft exzellenten Buch in Text und Bild, den großen Minetti dem Leser mit all seinen Facetten näher zu bringen.

Ausgezeichnet der Aufbau des Werkes. Den fünf Kapiteln der Lebensstationen des Schauspielers vorangestellt ein bisher unveröffentlichtes Interview aus dem Jahr 1988. Darin schildert der große Mime unter anderem, wie wichtig es für die Schauspielkunst sei, Glaubwürdigkeit auszustrahlen und dabei stets vor dem eigenen Spiegelbild bestehen zu können. Passend dazu eine fotografische Aufnahme die den Staatsschauspieler vor dem Spiegel beim Schminken zeigt.

Schon in Schülerzeiten fühlte sich Minetti von der Bühnenwelt magisch angezogen und besucht Vorstellungen im Theater seiner Heimatstadt Kiel. Noch ist er kein Akteur auf den berühmten Bretten, die bekanntlich "die Welt bedeuten", sondern beobachtet, schreibt in ein kleines Büchlein seine Eindrücke. Minetti kennt sie alle: Den Gründgens, die Dietrich zu Zeiten, als sie noch nicht so groß waren und in der Provinz Theatererfahrungen sammelten. Dass Gründgens sich mit Frauen schwer tue, fiel Minetti bereits 1921 als Gymnasiat auf, als er eine Vorstellung des goethschen "Götz von Berlichingen" besuchte. Die Wiedergabe von Primärquellen in Form von Briefen, Aufsätze, Kritiken, die visuell am grauen Hintergrund zu erkennen sind, machen zweifelsohne das "gewisse Etwas" dieses Bildbandes aus. Über Kiel, München, Berlin, Gera und Darmstadt kam Bernard Minetti 1930 zum Staatstheater Berlin, dem Zentrum und Ziel eines jeden Theaterschaffenden in Deutschland vor 1945. Klaus Völker, Professor für Schauspielgeschichte an der "Hochschule für Schauspielkunst" in Berlin schildert ausführlichst das Wirken Minettis im Dritten Reich und macht wie Ulrich Matthes in einer Hommage an Bernhard Minetti ohne moralischen Zeigefinger auf jene Jahre der braunen Diktatur aufmerksam, in der es nicht immer einfach gewesen sei, konsequent zu sein.

Konfliktlinien mit dem Intendanten Gründgens arbeitet der Autor ebenso hervor, wie die Arbeit Minettis für den Film. Düster, schauerhaft waren oftmals seine Rollen auf der Bühne wie im Film - wie etwa die des Mörders in der Verfilmung zu Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1931. Doch geht Völker auch auf Minettis privaten Leidenschaften ein. Mit Sepp Herberger, dem Bundestrainer der Weltmeistermannschaft von 1954, beispielsweise habe den Mimen eine langjährige Freundschaft verbunden - und die Liebe zum Fußball.

Die Jahrzehnte auf allen großen Theaterbühnen Nachkriegsdeutschlands bilden den Abschluss dieses kurzweiligen Buches, welches durch den gleitenden Rhythmus des Übergangs zwischen klassischer Biographie und Bildmaterial zu einem Ganzen wird und besticht.

Im Verzeichnis befinden sich sämtliche Aufführen und Filme, in denen Minetti in Jahrzehnten mitwirkte, mit Inhaltsabgabe.


Dieses in allen Belangen erstklassige und hochwertige Buch macht die Kunst, die Schauspielerkunst eines großen Theatermannes sichtbar und zeigt deutsche Kulturgeschichte.

PK