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Erschienen
Bajuwarische Raubeinigkeit und Champions-League der Chormusik bei "Nacht der Lieder"
07/2005
Das Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" ist ja bekanntermaßen immer für eine Überraschung gut. Anfang Juni zauberte die Mannheimer Liedermacherin Joana als Gastgeberin der längst traditionellen "Nacht der Lieder" im Musikschuppen der Rennstadt wieder einmal eine solche auf die Bühne: Neben ihren eigenen Beiträgen und den "Mehlpriemeln" gastierte erstmals das Newcomer-Ensemble "Viva Voce" in Hockenheim und riss die Zuhörer gewaltig aus den Sitzen.

Ihre Rolle als Gastgeberin füllte Joana, die in ihrer Heimat immer einen ganz eigenen Charme zu verbreiten versteht, mit absoluter Perfektion aus: Ruhig und gelassen führte sie durch den Abend, stellte ihre Gäste vor und garnierte die rege Folge künstlerischer Highlights mit eigenen Beiträgen – so zurückhaltend und bescheiden, dass sich manch ein Besucher etwas mehr aus der Feder der überzeugten Kurpfälzerin gewünscht hat. "Kopfstand" heißt ihre neueste CD, mit der sie einen fast melancholischen Blick auf eine Welt wirft, die aus den Fugen geraten scheint. Dass dennoch keine üble Stimmung aufkommen muss, verdankt das geneigte Publikum der charakteristischen Mischung aus augenzwinkernder Gelassenheit, Protestsong und Kunstlied, die Joana kultiviert hat wie keine Zweite. An diesem Abend präsentierte sie in Begleitung des kongenialen Gitarristen Adax Dörsam, der auch Solistisches zum Besten gab, mit "Hurra ich bin Dich los" und "In der Heimat isses schä" zwei grandiose Exempel dieses Stils: Ein optimistisch-melancholischer Abgesang auf die Beziehung, die sie und "Alexander" weder nach Griechenland, noch nach Italien, Irland oder Frankreich führte, weil mal die Mutter im Weg stand, dann die Arbeit – und zum Schluss Claudia. Und eine schlitzohrige Liebeserklärung an unsere Region, in der Joana trotz großer Erfolge und internationalem Renommee fest verwurzelt ist: Ein schlagender Beweis dafür, dass die Liedermacherin den begehrten "Bloomaul-Orden" absolut zu recht trägt.

Ursprünglich war der hochdekorierte Klavier-Komödiant Bodo Wartke auf dem Programm gestanden; diesen Auftritt wird man in Hockenheim noch etwas erwarten müssen. Statt dessen nicht minder bejubelt und gefeiert: Die "Mehlprimeln", die bereits Mitte Februar mit einem eigenen Programm gastiert hatten. Die Gebrüder Reiner und Dietmar Panitz, die ihr "bayrisch-schwäbisches Unwesen" auch in Kurzform mit Grandezza trieben, erinnerten einmal mehr an die "Biermösl Blosn" der Gebrüder Well – bissige Satire, derbes Kabarett und liebevolle Musik vereinigen sie zu einem bemerkenswerten Großen und Ganzen. Da geht es gegen den Massentourismus, der in "Dreizehn großen Doppeldeckerbussen" durch die idyllischen Bergtäler rauscht und letzlich die Adria verseucht, da wird dem "Sack" als solchem – und nicht nur in seiner Erscheinung als "Sandsack" bei der Flut gehuldigt und der Modernisierungswahn unserer Zeit ("Ich ruf den Weckdienst an und schalte den Anrufbeantworter ein – sollen die das unter sich ausmachen!") mit ihrer regen Produktion an technisierten Abkürzungen von "DSL, MMX, THX und DVD" auf die Schippe genommen. Es gelingt den beiden Männern, die die Bänkelsänger-Manier mit grandioser Zeitkritik paaren, meisterlich, politische Themen aus der abstrakten Ferne in die alltägliche Wirklichkeit zu reißen: "Wenn man in Bayern an der Urne steht, sieht man seine Stimme förmlich verschwinden ins Schwarze".

Ohne Zweifel der unangefochtene Top-Act des abends war der Auftritt der Formation "Viva voce". Die fünf Jungs aus Franken sind ohne Zweifel exakt das, was jeder Schwiegermutter nächtens als Traum erscheint: Gutaussehend, gepflegt, zuvorkommend, fleißig und alles in allem absolut wohlerzogen. Und dazu können sie noch herrlich singen. Die Vokalisten, die durch die Kaderschmiede des Windsbacher Knabenchores, dem Aushängeschild der byrischen Landeskirche und einem der ganz Großen in der Champions-League der Chormusik, gegangen waren, präsentieren dabei ein absolut individuelles Programm. Nach ihrer Gründung 1998 haben sie sich erst einmal in der A-Capella-Manier der "Comedian Harmonists" umgetan, um dann ihren eigenen Stil zu entwickeln: Perfekte stimmliche Präsenz kombinieren Heiko Benjes, Jörg Fischer, David Lugert, Bastian Hupfer und Thomas Schimm mit einer boygroupartigen Choreografie und sind damit so etwas geworden, wie eine chorale Boygroup. Gemeinsam machen sie "Vox-Pop", was meint, dass sie bekannte Rock- und Pop-Klassiker allein mit der menschlichen Stimme interpretieren. Dabei kommen sie bisweilen erstaunlich nah an die Originale heran, wenngleich es ihnen überhaupt nicht auf eine Imitation ankommt, sondern gerade die Übertragung der modernen Musik in ein klassisches Medium im Zentrum des Interesses steht. So beeindruckten sie mit einem Radio-Medley, in dem sie "Radio Gaga" mit dem Buggles-Klassiker "Video killed the radio star" und "Ich grüße alle" der Spider-Murphy-Gang kombinierten. Das Programm der "Viva voce" umfasst aber auch ganz eigene Stücke. So das außergewöhnlich olfaktorische Liebeslied "Ich find Dich dufte" oder der pubertäre Teenie-Song "Summerfeeling".


Mit ihrem Auftritt rissen die Franken ihr Publikum gehörig aus den Sitzen, lösten wahre Jubelorgien aus und verleiteten junge Mädchen und gestandene Rentnerinnen dazu, nach Wäschestücken zu kramen, die man auf die Bühne werfen könnte – kein Wunder bei einem so liebevoll und musikalisch perfekt gebrachten "Robbie-Williams-Medley".

Entsprechend begeistert wurde die Meldung aufgenommen, dass Kulturmanager Lothar Blank noch am selben Abend kurzentschlossen einen eigenen Auftritt des Boychors im Winterprogramm angekündigt hat. Wenn es soweit ist, dürfte Hockenheim völlig aus dem Häuschen sein - es lebe die Stimme!



Weitere Informationen im Internet unter www.joana.de, www.mehlprimeln.de, www.viva-voce.de.