2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Diskurs mit dem Künstlerischen an sich: Ausstellung mit Gerd Winter und Armin Göhringer
07/2005
Es war mehr als nur ein bloßer Achtungserfolg, den der Hockenheimer Kunstverein Mitte Juni feiern konnte: Es war so etwas wie der Durchbruch, als man am frühen Samstag Abend in der Stadthalle ein ums andere Mal Stühle herankarren musste, um den strömenden Besucherscharen einen Sitzplatz zu sichern. Am Ende konnte die zweite Vorsitzende des Kunstvereins, Gisela Späth, weit mehr als 80 Besucher begrüßen, nicht ohne stolz, wie ihr anzumerken war und durchaus dankbar gegen die Stadt, die einmal mehr ermöglicht habe, die Stadthalle für diese Werkschau zu nutzen, mit der ein „menschlicher und künstlerischer Dialog in die Räume geholt“ worden sei – „mit Power und Sensibilität“.

Der Bürgermeisterstellvertreter Ernst Bormann überbrachte nicht nur die Grüße der Stadt und den ihrerseitigen Dank dafür, dass der Kunstverein mit viel Engagement das kulturellen Leben der Gemeinde außerordentlich bereichern würde, sondern hatte in seinen Worten auch etwas Ermunterndes für die ganze Bevölkerung: Vor Kunst braucht man keine Angst haben, auch dann nicht, wenn man bisweilen selbst den Eindruck hat, dass man sie nicht bis ins Letzte versteht.

Für diesen Eindruck boten die beiden Künstler, die mit dieser Vernissage besonders geehrt wurden, ausreichend Anlass: Beide haben sich vom eigentlich Gegenständlichen verabschiedet und Arbeiten auf einer Ebene künstlerisch, die sich der Auseinandersetzung mit dem Medium selbst verschrieben hat: Kunst, die nicht abbildet, sondernd die den Diskurs mit dem Künstlerischen an sich aufnimmt.

Gerd Winter, der in Groß-Gerau geborene und heute in Rossdorf bei Darmstadt lebende studierte Kunstpädagoge, beschäftigt sich vorrangig mit der Farbfeldmalerei, die ihre Wirkung allein aus der Farbe an sich zieht, die mit den Spannungen arbeitet, die zwischen den einzelnen Farbfeldern auf Grund unserer Sichtweisen entsteht, und die einen nicht unbedeutenden Akzent auf den Grenzflächen zwischen den einzelnen Farbfeldern setzt.

Die Ausstellung zeigt zwanzig Werke aus der Schaffensperiode der letzten 15 Jahre. Mit seinem Lehrer, dem durchaus umstrittenen Aktionskünstlers Hermann Nitsch, verbinde ihn, so die Vorsitzende des Kunstvereins, Dr. Martina Wehlte-Höschele in ihrer Werkeinführung, die „existentielle Unbedingtheit“, die „Reflektiertheit seines Tuns“ und das „Spirituelle der reinen Malerei“.

Allerdings wird der Betrachter ausreichend Geduld mitbringen müssen, denn abgesehen davon, dass Winters Bilder sicherlich auch durchaus dekorative Züge aufweisen und so in der reinen Betrachtung schon ihren Platz finden, erschließt sich die Tiefe der Einzelwerke, das Flirren der in zahlreichen Schichten halbtransparent übereinander aufgetragenen Farben, das fast physisch spürbare Reiben an den Grenzen, die mal messerscharf geschnitten, mal in faserigen Übergängen gestaltet wichtige Wegmarken für das Auge bieten, und die durch einen mal sehr glatten, mal in pasteusem Auftrag reliefartig strukturierten Farbkörper gegebene Raumwirkung, erst bei längerer Betrachtung.

So kann das Bild „Rotes Band“ fast wie ein Einblick in Winters Werkzeugkasten stehen: Transparent überlagerte Farben, die im Rand ein spannungsgeladenes Muster ergeben, sowohl scharf geschnittene, als auch fein gefranste Übergänge zu den weiteren Farbfeldern, ein zweiter, glatt gestrichener Innenrand trifft auf mit dem Finger verstrichenen organisch wirkende Muster, die ihrerseits mit künstlich und filigran gespachtelten Strukturen korrespondieren.

Ohne Gerd Winter zu nahe treten zu wollen oder seine Einzelleistung zu schmälern, wird man doch nicht umhin kommen, anzumerken, dass er einen hervorragenden Rahmen abgibt für den noch weitaus bemerkenswerteren zweiten Künstler: Armin Göhringer. Der im Schwarzwald lebende Bildhauer, der inzwischen zum Stadtkünstler Spaichingen berufen wurde, zeigte 18 Holzarbeiten, die – man glaubt es bei der Betrachtung der teils sehr großen, teils erstaunlich kleinen Skulpturen nicht – mit der Kettensäge bearbeitet wurden.

Dabei entstanden teils sehr massive Körper, die in ihrer Wucht dem Betrachter ein hartes Gegengewicht aufbürden, teils aber unglaublich filigran und luftig wirkende Skulpturen, die trotz ihres nach wie vor stabilen Corpus zerbrechlich und leicht daherkommen. Dabei bedient er sich der Kreuzschichtungen als Kunstprinzip, indem er sich vorrangig und bisweilen auch ausschließlich der Horizontale und der der Vertikale bedient: Unzählige Einschnitte in den massiven Stamm lösen ihn gleichsam auf, um den Dialog der Geometrie mit dem Raum zu ermöglichen. Besonders eindrucksvoll sind dabei die naturbelassenen Objekte, denen ihr Ursprung noch unverhüllt entnommen werden kann und denen das Material nicht durch Abbrennen und bemalen weggedrängt wurde. So ein rund vier Meter hoher Nussbaumstamm, der in einer Art Dreieinigkeit auf der einen Seite den massiven Stamm zeigt, ihn auf der anderen Seite in tief eingeschnittenen Vertikalen öffnet, was etwas Aufstrebendes und Erhöhendes vermittelt, um sich auf der dritten Seite mit horizontalen Einschnitten zu vereinen und den Stamm auf diese Weise durchsichtig und transparent zu machen.

Der Filigrane Charakter in Göhringers Wirken wird am fassbarsten anhand einer nur rund eineinhalb Zentimeter dicken Bohle, die mit unzähligen Durchbrüchen den Hintergrund durchscheinen lässt und wie ein feines in den Raum gespanntes Netz wirkt.

Es gibt keinen Zweifel: Was Hockenheim hier zu sehen bekommt, das ist eine bemerkenswerte Werkschau zweier ernstzunehmender und gut erschließbarer Künstler, die man weder als Experte, noch als Laie verpassen sollte.



Nebenbei bemerkt
Vorsicht, Kunst?


Der Hockenheimer Kunstverein hat ausgestellt – und 80 kamen. „Mehr als nur ein Achtungserfolg“ schreibt die Zeitung und ist begeistert. Sicherlich wird Kunst kein Massenphänomen und der Ehrlichkeit halber muss man eingestehen, dass es nie eines war. Aber nur 0,38 % der Gesamtbevölkerung?

Kunst ist ein hartes Geschäft und auch wenn sich der Stellvertreter des OB, Ernst Bormann, freundlich dafür bedankte, dass der Kulturverein einen wichtigen Beitrag für das kulturelle Leben der Rennstadt leiste – noch ist es ein Schattendasein.

Dennoch ist es wichtig, dass der Verein besteht. Nicht nur, weil er derzeit das kulturelle Leben bereichert, sondern vor allem, weil er die Chance bietet, das in Zukunft verstärkt zu tun.

Zu kämpfen hat er vor allem mit der schwierigen Gesamtsituation der Kultur im Allgemeinen, der Kunst aber im speziellen in unserer Region: „Kunst ist ein Luxus, den sich nur dekadente Intellektuelle leisten können“, hört man im Brustton der Überzeugung den so genannten „Volksmund“ sprechen. Und mal ehrlich: Wer will schon zur bornierten Schicht der Besserwisser gehören, die mit entrücktem Blick vor einer völlig weißen Leinwand stehen und „Nebel in der Winterlandschaft“ bewundern.

Eben hier liegt die große Chance des Kunstvereins: Er kann zeigen, dass nicht nur abgefahrene Spinner und vergeistigte Möchtegerns sich der Kunst widmen, sondern der Nachbar ebenso, wie der Arbeitskollege – Menschen wie Du und ich eben.

Wenn es gelingt, mehr Bürger zumindest in die Ausstellung zu locken, dass ist der größte Schritt getan: Sind sie erst einmal hier, dann helfen schon kleine flankierende Worte, um die Auseinadersetzung mit den Kunstwerken in Gang zu bringen.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe – und Jeder, das ist die bemerkenswerteste Erfahrung, die die Kunst vermittelt, wird etwas anderes sehen. Hierin liegt der Zauber der Kunst, das sie nicht versucht, uns in abschließende Wahrheiten zu indoktriniere, sondern Erfahrungsräume eröffnet, die eine ganze Menge Wahrheiten offerieren.

Wer jetzt noch ein wenig mehr Mut gefunden hat, sich doch einmal auf das Abenteuer einzulassen, dem sei die Führung mit der Ersten Vorsitzenden des Kunstvereins, Dr. Martina Wehlte-Höschele am kommenden Mittowch, 15.06. um 18 Uhr anempfohlen: Obwohl Kunsthistorikerin findet sie das treffende Wort für die Kunst und kann Schneisen durch den so undurchdringlich scheinenden Dschungel schlagen.

Und als letzter Tipp: Dietrich Schwanitz Kapitel über die Kunst in „Bildung. Alles was man wissen muss“ – hier lernen wir auf äußerst vergnügliche Weise, dass Bildung nur wenig mit Wissen zu tun hat und viel mit Theater.


Es ist beruhigend: Den „Museumsblick“ der vergeistigten Kunstbetrachtung kann man – mit ein wenig schauspielerischem Talent und gehöriger Übung – lernen.

Also: Fangen sie mit dem Training an!