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Erschienen
"Dudelsack" ehrt die "Königin der Instrumente"
10/2005
Die große Herausforderung bei Veranstaltungsreihen ist, dass man sich immer wieder etwas Neues überlegen, immer neue Akzente setzen und immer neue Highlights präsentieren muss. Diese schwierige Aufgabe kann durchaus auch gelingen, das bewiesen Mitte September am Wahlsonntag die Macher der in der Rennstadt erstaunlich beliebten kirchenmusikalischen Reihe „Orgel Plus“: Der Kantor Christian Holger Bühler lädt sich zu diesen Konzerten jeweils Gäste in die evangelische Stadtkirche ein, die mit ihren Instrumenten zur altehrwürdigen Kirchenorgel treten. Diesmal ist ihm dabei ein ganz besonderer Wurf gelungen. Er hat nämlich mit dem Ungewöhnlichen gespielt, den Reiz des kaum vorstellbaren ausgelotet und ohne Umschweife genial gepunktet.

Mit dem Rheinhausener Musiker Andreas Hambsch und dessen „Small Pipes“, die hierzulande gerne etwas generalisierend „Dudelsack“ genannt werden, zog am vergangenen Sonntag ein ganz neuer Ton ins Gotteshaus ein, den man sich zunächst dort kaum vorzustellen wagte. Doch betrachtet man nur einmal das Prinzip der Tonerzeugung, dann sind sogar ganz verblüffende Parallelen zur „Königin der Instrumente“ festzustellen: Beide sind „behaucht“ und gewinnen ihre Töne aus einem Blasebalg, der dafür sorgt, dass sie vom Atem des Spielers unabhängig sind. Dann sind da selbstverständlich die Pfeifen, die in ihrer Bauweise relativ ähnlich sind. Und egal, ab man sich an der Orgel oder an den „Pipes“ die Flötentöne beibringen will: Immer wird gehörige Fingerfertigkeit abverlangt.

Beim jüngsten „Orgel Plus“-Konzert stellten die beiden Musiker – auf den dritten im Bunde, den Sackpfeifer Alexander Eifler musste man krankheitsbedingt verzichten – dann acuh noch untere Beweis, wie herrlich die beiden Instrumente zusammen klingen können. Der etwas kehligere, bisweilen durchdringend fordernde Ton des Dudelsacks griff dabei zunächst einmal solistisch Raum mit einigen Traditionals: „Cullen Bay“ und „Highland Cathedral“ gehört zu den gern gegebenen Stücken an den „Pipes“, ebenso wie das kaum zu umgehende „Scotland the Brave“, das man auch bei Rugbyspielen stets statt der Nationalhymne, die es nicht gibt, zu hören bekommt.

Dazwischen suchte sich aber auch die Orgel ihren Weg zum Ohr und vor allem in die Herzen der angesichts der spannenden Lage am Wahlabend überraschend großen Zuhörermenge. Das lag neben der anlässlich der Berichterstattung über die letzten Konzerten bereits ausführlich beschriebenen technischen und interpretatorischen Klasse Bühlers gelegen haben. Auch. Aber es war auch die besondere Musikauswahl, die so fesselte: Der 1879 geborene britische Komponist und Musiker John Ireland wurde vorgestellt. Mit dem traditionell eher dem schottischen Kulturkreis zugeordneten „Dudelsack“ (der aber wahrscheinlich eher in Asien erfunden und dort bis heute noch gespielt wird) verbanden den späteren Lehrer Benjamin Brittens sicher auch seine Vorfahren aus der Gegend der Kilts. Seine Musik ist malerisch, sinnlich, bisweilen fast zärtlich – nicht umsonst zählt man ihn zu den großen eines ganz eigentümlichen „englischen Impressionismusses“.

So wechselte sich die fordernde „Pipe“-Musik und die Orgel ab. Schade nur, dass die beiden nicht mehr zusammen spielten: Die „Highland Cathedral“ wurde zu einem wahren Ohrenschmaus im ersten Programmblock des rund eineinhalbstündigen Konzerts und den zweiten Teil schloss ein gemeinsam intoniertes „Amacing Grace“ in ganz ergreifender Weise ab: Manch einer im Publikum konnte sich bereits während des Konzerts nicht zurückhalten, zu klatschen, was natürlich immer etwas der Stimmung und Atmosphäre raubt, angesichts der Begeisterung, die die beiden Musiker auslösten, aber durchaus nachzusehen ist. Nun hörte man immer wieder leises Summen und verträumt ein paar mitgesungene Worte.


Als hätten die Musiker in diesen politisch so schwierigen Tagen einen Akzent und ein Hoffnungszeichen setzen wollen, gaben sie als Zugabe – ebenfalls gemeinsam – eine instrumentale Version von „Nehmt Abschied Brüder ungewiss“, bei dem sich schließlich keiner mehr zurückhielt und annähernd die gesamte Zuhörerschaft beseelt mitsang: Es wäre kein „Orgel Plus“-Konzert gewesen, wenn man nicht eben damit das „Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer“, mit dem manch ein Besucher beladen in die Kirche gekommen war, bis zum letzten Ton ersetzt gehabt hätte durch eine weitaus frohere Botschaft: „Wir ruhen all in Gottes Hand, lebt wohl auf Wiedersehn.“

Beim letzten Konzert „Orgel Plus“ für dieses Jahr präsentieren sich am Sonntag, 02. Oktober ab 20 Uhr neben Bühler die Fagottistin Naomi Kuchimura und der Klarinettist Ralf Schwarz.