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Erschienen
An "Geehrt und gefedert" von Ludwig Müller scheiden sich die Geister
11/2005


Seit zehn Jahren macht der fahrende Kabarettist und Dichter Ludwig Müller bereits die Bühnen unsicher und ist dabei "weit über die Grenzen der eigenen Wohnung hinaus bekannt" geworden. Dennoch blickte er Mitte Oktober doch etwas irritiert in die lichten Zuschauerreihen des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk" – offenbar hatten nicht alle den Ersatztermin für das bereits im März geplante und aus Krankheitsgründen geplatzte Gastspiel des Wiener Spaßmachers goutiert. Aber ein Kabarettist trägts mit Fassung und Humor, immerhin habe er in den vergangenen zehn Jahren auch schon Auftritte gehabt, bei denen er seinem Publikum "zahlenmäßig weit überlegen war".

Das runde Jubiläum nutzte er zum "Best of"-Programm "Geehrt und gefedert"; eineinhalb Stunden lang reihte er dabei die Highlights aus sechs Programmen aneinander. Dabei war der österreichische Kabarettist, der unter anderem mit dem Österreichischen Kabarettförderpreis „Karl“ und dem Passauer „Scharfrichterbeil“ ausgezeichnet wurde, absolut zeitgemäß, nutzte auch spontan zahlreiche topaktuelle Ereignisse, um sie mit dem einen oder anderen Seitenhieb zu „verwursten“.

Die große Stärke des mit minimalistischer Ausstattung spielenden Künstlers ist die ungeheure Wortakrobatik, mit der er aufwartet. Im typischen Wiener Schmäh vaporisiert er seine Sprache, um sie dann neu in Därme zu füllen und seinem Publikum als "Stangerl" um die Ohren zu schlagen. Insofern ist er im Nachhinein doch noch dem Wunsch des Vaters nachgekommen, der ihn als Metzger gesehen hatte – nur ist Ludwig Müller eben "Wortschlachter" geworden. Und wie den von ihm häufig zitierten Vorbildern aus dem Fleischerhandwerk gelingt es ihm dabei, manch auf den ersten Blick unappetitliche Ingredienz mit Banalität und einer unerwarteten Wendung doch noch in ein wohlschmeckendes Ganzes zu verwandeln.

So hangelt er sich kreuz-, stab- und schüttelreimend durch die moderne Welt mit "Dinner-Cancelling" und Wellness-Tipps wie Fisch mitsamt den Gräten zu essen, "weil man im Todeskampf total viel Kalorien verbrennt", gibt in seinen Fundstücken eine Flaschenpost-Partnerschaftsanzeige Crusoes ("Gut situierter Eiland-Freier bietet Haus und Freiland-Eier") zum Besten und berichtet von seinem Großvater, der Selbstmord beging, indem er zur "französischen" oberösterreichischen Bauernoma, "völlig überraschend fette Sau gsogt hot".

Highlight war ohne Frage der modernisierte Bastei-Groschenroman "Wenn der Pentium glüht", in dem Müller seinen gesamten Wortwitz und die unglaublichen Reimfertigkeiten zu einem orgiastischen Feuerwerk der Sprache kumulierte: Eine Geschichte aus einer Gegend und Zeit, in der das "Worl-wide-Weib" am "Web-Stuhl" sitzt und der Sohn sich aus Sauerkraut eine "Bläh-Station" baut. Dicht gefolgt von einem seiner bekanntesten Texte, der "Massenkarambolage", der Bühne nicht nurfür Sprachakrobatik, sondern auch für die onomatopoetische Umsetzung in lautmalerischen, fast schon musikalischen Einfällen bieten konnte – da wurden der türkische LKW, der oberösterreichische Traktor und der koreanische PKW wirklich fast realistisch hörbar.

Mit dem Österreicher ist es wie mit dem Papst: "Man versteht ihn nicht, aber man hat das Gefühl, er hat recht". Müller selbst sprach eines der beiden Probleme des "Best of"-Programms an; wenngleich er das Wienerische schon gehörig zügelte, war in der Pause doch so manches ratlose Nachfragen nach einzelnen Worten zu vernehmen. Weitaus schlimmer aber fiel das Fehlen jeglichen roten Fadens ins Gewicht: Fast durchgehend völlig zusammenhanglos wurden die Humor-Salven auf das Publikum abgegeben. Das ist bedauerlich und schmälerte letztlich den Erfolg Ludwig Müllers ganz gewaltig. Sein Publikum polarisierte sich nämlich in einer seltenen Deutlichkeit und während die Einen lautstark "Zugabe" verlangten, verließen Andere bereits in der Pause das Geschehen. Beiden Seiten sei gesagt: Es wird alles gut. In fast genau einem Monat feiert Müller in der Wiener "Kulisse" Premiere seines neuen Programms "Herr Müller sucht das Glück". Dann gibts wieder Kabarett vom Feinsten. Und das dann wieder nach guter Metzgersart: Am Stück, oder zumindest in Scheiben.


Wie man zu Müllers Programmstreifzug auch stehen mag, es wurde auf jeden Fall das, was der Künstler angekündigt hatte: Ein Auftritt "sui generis" – ein Abend einer einmaligen und ganz speziellen Art.