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Erschienen
Traum der Illusion im Pumpwerk
11/2005
"O unsterbliche Erinnerung an jenen Augenblick der Illusion, des Rauschs und der Bezauberung! Niemals, niemals sollst du in meiner Seele erlöschen", schrieb der französische Schriftsteller und Staatstheoretiker Jean-Jacques Rousseau 1761 in seinem empfindsamen Briefroman "Julie ou la Nouvelle Héloïse". Ganz so hoch muss man die Variete-Gala des Hockenheimer Vereins "Magic Dreams e.V."Mitte Oktobervielleicht nicht hängen, aber dennoch gelang den 16 Artisten, Zauberern, Fakiren und Gauklern auf der Bühne des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk" eine sehr nachhaltige Beeindruckung ihres Publikums. In einem fast dreistündigen Programm präsentierte sich der 1998 gegründete Verein, der nicht nur gemeinnützig ist, sondern auch als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt wurde, mit einem Streifzug durch sein gesamtes Angebot: Von der eher etwas einfacheren Teller-Akrobatik über Tanz und Feuerillusion bis hin zur "großen Kunst" der Zauberei mit der "Zersägten Jungfrau" hatte man alles im Gepäck.

Das war auch nötig: Eingebettet war das Programm aus Einzelnummern der verschiedenen Künste in eine Rahmenhandlung in der Wüste: Durch "1001 Sandkorn" führten ein ebensolches mit etwas aggressiver Stimme und der Kopf des Vereins, "Magic Iramus" Andreas Bierlein als "Karawanenführer" – "vor uns liegt ein langer, staubiger Weg, aber auf ihm können sie ihre Träume finden". Und das Publikum, das die Plätze im Musentempel reichlich ausfüllte, folgte dem Hockenheimer Urgewächs mit großer Freude.

Durch die Luft flirrende Keulen, Bälle, Messer, Ringe wurden in eine stark auf Musik und Tanz ausgerichtete Nummernfolge eingebaut. Ein echtes Highlight im Akrobatik-Bereich war ein "Einrad-Damen-Vierer" – in die Rahmenhandlung als "Ritt auf Araberhengsten" eingebaut: Julia Klamm, Linda Langlotz, Andrea Pfisterer und Pia Schmidt tanzten auf ihren Kunstgeräten regelrecht und lösten damit den ersten echten Begeisterungssturm im Publikum aus. Schmidt zeigte sich überhaupt beeindruckend vielseitig: Sie war auch an zahlreichen Jonglage-Nummern beteiligt. Dabei griffen die Künstler auchzu ausgefallenen Objekten und ließen Tennisschläger durch die nebelschwangere Luft sausen.

Ebenso ein Pfund, mit dem "Magic Dreams" ordentlich wuchern konnte: "Magic Iramus" Bierlein verkürzte mit verblüffenden Kleinzaubereien mit Karten und Bändern nicht nur die "Umbaupausen", sondern feierte mit eigenen Nummern wie dem "Eunuchenmacher" und einigen Großillusionen auch einen ganz persönlichen Erfolg; dabei ließ er das jüngste Mitglied des Vereins, den zwölfjährigen Tizian Dorn, schweben, zersägte seine eigene Frau Julia in drei Teile und ließ schließlich seine neue Assistentin Julia Mollfenter in einem Kubus-Zickzack quasi ganz verschwinden.

Ohne Frage der faszinierendste, weil spektakulärste Teil des Programms: Eine Feuerschlucker- und Fakirnummer, in der Sören Köhler, "Pe Panik" und "Mr. Knautschzone" Benjamin Heyer brennende Jonglage, Nagelbrett und Scherbenlaufen miteinander verbanden.

Das dritte abendfüllende Variete-Programm der "Magic Dreams" besticht erneut durch seinen homogenen Guss: Nach dem Flugzeugflug und der Schiffsreise nun die Wüstendurchquerung. Dabei wurde jede einzelne Darbietung voll in das Großthema integriert. Dann jonglieren eben Kakteen und Kamele schalten sich immer wieder mehr oder weniger dezent ins Geschehen ein. Großen Anteil daran hatten die teilweise atemberaubenden Kostüme aus derWerkstatt Bärbel Hespings.Was die Darbietung auszeichnete, war dabei der gekonnte Umgang mit der Illusion als solcher: Licht und Musik unterstützten – wenn man von zwei gesanglichen Beiträgen einmal absieht – perfekt den träumerischen Grundton. Wenn man dann noch bedenkt, dass es sich bei allen Stars und Sternchen um Ehrenamtliche handelt, verzeiht man auch die ein oder andere heruntergefallene Keule.

Gerade weil in dem Verein ein unglaubliches Potential steckt und weil sie mit dem Akrobatik-Variete ein Genre beackern, das unbedingter Förderung bedarf, weil es in den vergangenen Jahren mehr und mehr auszusterben droht, sollte "Magic Dreams" dringend an den Feinheiten arbeiten: Insgesamt war das Programm deutlich zu lang und mancher Zuschauer musste den Eindruck gewinnen, weniger wäre bisweilen etwas mehr gewesen. Bedauerlich auch, dass nach dem gigantischen Highlight am Schluss sich der Abend nicht in träumerischer Dunkelheit, durch die ein Feuerball aufschien, verabschiedete.


Alles in allem bleibt ein wohliger Schauer – zumindest bei all denen, die in der Illusion nicht nur Verblendung und im Träumen nicht nur vertane Zeit sehen: "Magic Dream" bot einen Traum der Illusion.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.magic-dreas-variete.de.