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Erschienen
Hörenswerte Ergänzung im Kulturleben - erster Auftritt Hockenheimer Kammerorchester
11/2005
"Wir sind überwältigt von diesem Besuch" – sichtlich gerührt begrüßte Mitte Oktober der Initiator des Hockenheimer Kammerorchesters, Manfred Wöhr , die Gäste, die den großen Saal des katholischen Gemeindezentrums "St. Christophorus" zu sprengen drohten. Dass man bei der Premiere eines Ensembles noch Stühle in den nicht eben kleinen Zuschauerraum karren muss, ist allein schon eher eine Ausnahme. Wenn aber auch noch der Dirigent des Abends dabei selbst Hand anlegt, ist das ein Garant dafür, dass man es mit einem ganz familiären Kreis fernab aller Allüren und Borniertheiten zu tun hat.



Orchester mit künstlerischem und pädagogischem Anspruch
Mit dem Hockenheimer Kammerorchester hat sich der langjährige Rektor der Pestalozzi-Grundschule und geschäftsführende Schulleiter der Rennstadt einen Herzenswunsch erfüllt: Schon lange bevor das Ensemble Ende 2003 auf seine Initiative hin gegründet wurde, habe er das Fehlen der instrumentalen Kammermusik in Hockenheim sehr bedauert. Wöhr hätte es immer als wichtiges Angebot empfunden, wenn junge Musiker das, was sie in ihrer Instrumentalausbildung lernen, auch praktisch und gemeinsam mit anderen in die Tat umsetzen könnten. "Wenn bis dahin niemand anderes etwas in dieser Richtung unternommen hat, dann mache ich das, wenn ich in den Ruhestand gehe", hatte sich der Pädagoge, der selbst Violine spielt, vorgenommen. Seit Juli 2003 ist Manfred Wöhr "Rektor a.D." und bereits im November hatte er "sein" Orchester gegründet. Um die immensen Kosten, die ein solches verursacht, zu schultern, hat man eine Kooperation mit der Volkshochschule auf die Beine gestellt, die mit dem Dirigenten Robert Sagasser, der sonst an der Sing- und Musikschule unterrichtet, eine nicht ganz unerheblichen Teil zum Gelingen des großen Plans beigetragen hat. Außerdem durfte man sich der Unterstützung vieler Seiten erfreuen: Neben der Stadt und der Volkshochschule sprangen die Katholische Kirchengemeinde mit Probe- und Aufführungsräumen und einige noble Spender und Sponsoren mit finanziellen Mitteln in die Bresche. Es ist erfreulich, dass auch in einer Stadt wie Hockenheim, die ja bereits über ein recht beachtliches Kulturleben verfügt, neue Ansätze und Ideen noch so großes Interesse erfahren.

Nach wie vor hat das Orchester neben dem künstlerischen Anspruch vor allem auch eine klar pädagogische Ausrichtung: "Es geht uns darum, jungen Musikern Gelegenheit zu geben, ihre erworbenen Fähigkeiten zu erweitern und zu pflegen. Und auch älteren Musikern soll die Chance gegeben werden, ihr Hobby weiter gemeinsam mit anderen zu betreiben." Dabei wolle man auf jeden Fall ein Laienorchester bleiben.

Kein Wunder also, dass die Altersspanne im Klangkörper erfreulich weit greift: Die erst 14-jährige Salome Beil streicht in den Reihen des Kammerorchesters ebenso freudig die Saiten ihrer Violine, wie der rund 52 Jahre ältere Wöhr, der "Grand Seigneur" unter den Musikern – "Instrumente fragen nicht nach dem Alter, sondern nach Fleiß, Ausdauer und Hingabe", so Wöhr in seinen Begrüßungsworten.

Bleibt zu wünschen, dass dem Orchester auf dem langen Weg, bis es etabliert ist, auch in dieser Hinsicht nicht die Luft ausgeht. Insofern wird man es vor allem mit der Ausdauer ernst nehmen müssen. Oder, um es mit den Worten des englischen Literaturkritikers Samuel Johnson zu sagen: "Große Werke werden nicht durch Gewalt sondern durch Ausdauer vollbracht. Derjenige, der mit Entschlossenheit drei Stunden pro Tag vorangeht, wird in sieben Jahren eine Entfernung so groß wie den Erdumfang hinter sich bringen." Und der Erdumfang ist nur eine kleine Strecke in einer Stadt wie Hockenheim.

Hörenswertes Programm zum "Ersten Mal"
Programmatisch hatte man sich weitgehend chronologisch aufgestellt: Nach dem gefälligen Einstieg im französischen Stil mit einem Auszug aus Johann Christoph Pez "Concerto pastorale" für zwei Querflöten und Streicher (Soli: Doris Ehringer und Jürgen Köhling), mit dem sich bereits alle Instrumentalistengruppen auch einzeln vorstellen konnten und das den einzelnen Stimmen ausreichend Raum gab, gleichzeitig aber auch den homogenen Gesamtklang des Orchesters unterstreichen konnte, betonte das "Concerto e-moll" für Querflöte und Oboe des Barockmusikers und Komponisten Johann Friedrich Fasch die technische Gewandtheit der Kammermusiker. Der andramatisierte Auftakt war insbesondere den Streichern geschuldet, während die beiden Solisten Doris Ehringer und Kathrin Kountz in fein ziselierte Zwiesprache traten.

Es ist dem Hockenheimer Kammerorchester durchaus anzumerken, dass sich einige sehr erfahrene und routinierte Musiker in seinen Reihen finden. Dennoch wird es ohne Frage noch etwas Zeit bedürfen, um bei allen Musikern den Mut und die Entschlossenheit keimen zu lassen, sich weiter von der Originalliteratur zu entfernen und eigene Interpretationen zu wagen. Unterstützen könnte dabei Dirigent Robert Sagasser, dessen figurenreiches Dirigat nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch zu mehr interpretatorischer Freude anstacheln sollte.

Joseph Haydns Konzert in G-Dur für Klavier und Orchester, mit dem man das Publikum in die Pause entließ, hätte eigentlich der Höhepunkt des Konzerts werden können. In den beiden ersten Sätze brillierte das Orchester in sehr feinen, wohldosierten Tönen und mit einem guten Gespür für die Spannungen, litt aber insgesamt unter der in der Aufregung des ersten Auftritts vielleicht etwas vernachlässigten Feinstimmung der Instrumente. Dass es keine technischen Defizite sind, die den Musikern im Weg standen, konnten sie mit den durchaus passabel gemeisterten galoppierenden Themen des dritten Satzes unter Beweis stellen. Dennoch war das Klavier gewohnt unbarmherzig – es enthüllt auch die minimalste tonale Abweichung unerbittlich. Das ist umso bedauerlicher, als man mit Jéan-Pierre Bénier einen Solisten an den Flügel gesetzt hatte, der in seiner leichtfüßig-beschwingten Art, die gewohnt ist, sich alle künstlerischen Freiheiten zu nehmen, wenn sie dazu dienen, die Stimmung besser zu fokussieren und Emotionen zu prononcieren, einen einerseits unkonventionellen, andererseits genial spannenden Interpreten eingeladen hatte.

Im zweiten Programmblock gab man neben Telemanns Ouverture zu "Hamburger Ebb und Flut", der landläufig als "Wassermusik" bekannten Komposition, und einem weiteren Ausflug in die Empfindsamkeit und Romantik mit Schuberts Menuett aus der Sinfonie Nr. 5 in B-Dur der zeitgenössischen Musik die Ehre: Mit Béla Bartók zollte man einem der bedeutendsten Vertreter der klassischen Moderne und mit Ferenc Farkas einem zweiten gefeierten ungarischen Tondichter Respekt. Gerade der letztgenannte steuerte mit dem Allegro aus "Piccola Musica di Concerto" ein zwar deutlich modernes, nicht aber übertrieben atonales Werk bei, mit dem die Musiker beeindruckend gut zurecht kamen – ebenso übrigens, wie das Publikum, was fast noch erstaunlicher war.


Was bleibt nach dem ersten Auftritt des Hockenheimer Kammerorchesters, ist die Aussicht auf ein weiteres hörenswertes Stück Kultur in der Rennstadt. Was das Orchester dazu aber dringend benötigt, sind möglichst zahlreiche Gelegenheiten, als Klangkörper eine gewisse Erfahrung in öffentlichen Auftritten zu sammeln. Mit ihrem ersten Konzert haben die Musiker bewiesen, dass sie eine vielversprechende Ergänzung im Hockenheimer Kulturleben sein können. Vielleicht findet sich, wie es viele Bürger bereits gewünscht haben, auch kurzfristig eine der beiden Kirchengemeinden, um beispielsweise den Heiligabendgottesdienst mit einem Eigengewächs noch festlicher zu gestalten – das Zeug dazu hätten Sagassers Instrumentalisten ohne Frage.