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Erschienen
Kult-Comedy "Klimbim" als nostalgischer Fremdkörper
11/2005
Sie waren die Ingo Appelts und Michael Mittermeiers ihrer Tage: Der seinerzeit reiferen Generation standen in den 1970-er Jahren die Haare zu Berge, wenn sie den Nachwuchs vor dem Flimmerkasten bei "Klimbim" erwischten. Nun ist die Kultserie, von der nach dem Sendestart 1973 insgesamt 30 Folgen abgedreht wurden, wieder einmal aus der Versenkung aufgetaucht. Schon damals verschwand die verschrobene Familie am Ende jeder Staffel, nur um dann ohne jeden Kommentar doch einfach wieder da zu sein.

Das rund zweistündige Theater-Remake lockte Mitte Oktober bedauerlicherweise nur ein überschaubares Publikum in die Hockenheimer Stadthalle – an alte Erfolgszeiten, zu denen man mit 65% Einschaltquote zum echten Gassenfeger avancierte, konnte man also nicht anschließen.

Fünf Sargdeckel öffneten sich in einem schmuddeligen Wohnzimmer aus Omas Tagen – knarrend und behäbig, doch was sie freisetzten, war Comedy-Klamauk mit Kult-Charakter: Elisabeth Volkmann als männerverschlingene und um sich prügelnde Mutter Jolante, Horst Jüssen als deren gelackter und arbeitsscheuer elfter Ehemann Adolar von Scheußlich, der ständig schwadronierende Opa mit dem beleidigenden Vokabular Wichart von Roëll und natürlich die unvergessliche, leicht debile, frech-frivole Horror-Gaby von Klimbim Ingrid Steeger. Es war bei ihrem Auftritt in der Rennstadt, als wären sie nie weg gewesen: In unablässigem Trommelfeuer prasselten die Gags von der Bühne auf das Publikum ein, ließen binnen Minuten den alten "Klimbim-Flair" wiedererstehen und machten sofort deutlich, "wir sind keine Familie, wir sind die zufällige Zusammenwürfelung einer Schicksalsgemeinschaft". Da donnerte Gaby verbal auf ihre Mutter ein, die "schon früher gnadenlos faul" gewesen sei, da philosophierte der Opa über Naturgesetzlichkeiten ("Deutsche Beamte sind unbestechlich, aber korrupt") und Adolar wiederum knüppelte den Alten und dessen drei Verwundetenabzeichen, die Opa "einmal für Nasenbluten und zwei Mal für Haarausfall" bekommen hätte. Am Ende stellte Martin Zuhr, der in Vertretung für Peer Augustinski den Part der ständig wechselnden "Begleitperson" übernommen hatte, stellvertretend für das Publikum die selbe Frage, die sich schon vor Jahren aufdrängte: "Sind sie sicher, dass die hier alle frei rumlaufen dürfen".

"Die Klimbim-Familie lebt" ist ein honoriger Versuch, der einstigen Kult-Comedy noch einmal ein Comeback zu verschaffen. Ihr größter Verdienst ist dabei leider auch ihre größte Schwäche: Sie ist teilweise bis in die Wortwahl sich selbst treu geblieben. Damit aber konnte sie die sehr hohen Erwartungen des Publikums nicht befriedigen – es fehlte der Pfiff. Denn was in den Siebzigern ein Skandal war, ist heute allenfalls ein müdes Lächeln wert, wenn damals ob der freizügigen Kostüme von den Kanzeln gewettert wurde, schauen selbst die Männer heute kaum noch auf einen nur knapp verhüllten Busen. Zumal man in der Bühnenfassung verständlicherweise auf die rasanten Szenen-Wechsel, die exklusiven Gast-Stars (damals verzückten in Kurzrollen unter anderem die Kessler-Zwillinge mit entsprechendem Sex-Appeal, Udo Jürgens, Jerry Lewis, Gilbert Bécaud und Wencke Myhre) und damit auf den Sketch-Charakter verzichten musste.

Hinzu kamen erhebliche Probleme mit der Verständlichkeit, hatte man doch auf technische Verstärkung vollständig verzichtet.

Dennoch hatte man versucht, die Bühnenfassung etwas zu modernisieren: Neben einigen Anklängen an moderne Zeiten mit Pisa-Streit und "Ich bin doch nicht blöd"-Werbung in kleinen Details hatte Jüssen eine längere und wirklich bemerkenswerte Passage, in der er den Wahnwitz heutiger Politik durch den humoristischen Fleischwolf drehte: Angela Merkel bekommt ihre Bewerbungsunterlagen zum "Bond-Girl" kommentarlos zurückgeschickt, Schröder wird als Klinsmann-Nachfolger gehandelt und Lafontaine und Gysi streiten sich angesichts der nächsten "Schneewittchen"-Verfilmung darüber, wer den ersten und wer den zweiten Giftzwerg spielen darf. Solche Texte, die gezeigt hätten, dass "Klimbim" nach wie vor mithalten kann, hätte man sich mehr gewünscht.

Ein Bonus blieb ohne Frage die Besetzung: Die Stars der öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsgeschichte noch einmal live und in Farbe zu sehen, ließ es warm ums Herz werden. Ingrid Steeger wie sie leibt und lebt, Peer Augustinski zumindest via Leinwand – das war ein Stück "gute alte Zeit".

Insofern ist die Theaterfassung von „Klimbim“ genau das: Ein wohliges, nostalgisches Beispiel für deutsche Kulturgeschichte. Im schrillen Umfeld der modernen Comedy aber eben auch ein Fremdkörper.



Stadthalle servierte Ikonen der Unterhaltungsbranche
Kultur lebt, wenn sie erfolgreich sein will, auch vom Außergewöhnlichen, vom Exklusiven und Atemberaubenden. Die Hockenheimer Stadthalle bescherte ihren Abonnenten ein einmaliges Erlebnis mit durchaus historischer Note. Im Anschluss an Veranstaltungen lädt der Musentempel seine treuesten Besucher zu einem Umtrunk mit den jeweiligen Stars des Abends ein – bei einem Gläschen Sekt und einem Spätabend-Snack lassen sich die Künstler so "auf Du und Du" erleben. Diesmal fiel es aber selbst Stadthallen-Chef Walter Rettel schwer, seine Aufregung zu verbergen, als er im Anschluss an die Aufführung die "Klimbim"-Familie im "Separee" begrüßen durfte: Mit Elisabeth Volkmann, Horst Jüssen, Wichart von Roëll, Martin Zuhr und vor allem mit Ingrid Steeger war an diesem Abend das "Who is who" der deutschen Fernsehgeschichte versammelt.

Alle spielten sie in zahllosen Fernseh-, Theater- und Kabarettproduktionen mit und stellten für viele Jahre die Kernmannschaft der öffentlich-rechtlichen und teilweise auch der privaten Unterhaltungsbranche.

Am spektakulärsten war ohne Frage der Auftritt der inzwischen 58-jährigen Ingrid Steeger, die so etwas wie ein "Nationalheiligtum" geworden ist: Ihr Gesicht und auch markante Teile des restlichen Körpers haben sich in die Volksseele eingebrannt und führten zu einer bemerkenswerten Verehrung. Und man kann es, das hat der Stadthallen-Empfang ermöglicht, unumwunden sagen: Die Frau sieht heute noch toll aus!

Während die Steeger anfangs – auch durch "Klimbim" und einige aus heutiger Sicht recht harmlose Sex-Streifen – auf das leichte Fach festgelegt schien, gelang ihr mit dem aufwändig produzierten Epos "Der große Bellheim" von Dieter Wedel der Wechsel in die ernsthafte Unterhaltung. Dennoch bleibt sie natürlich unvergessen als Horror-Gaby in "Klimbim" und mit ihren unvergleichlichen Auftritten bei der Familienserie "Drei Damen vom Grill".

Heute engagiert sich die im direkten Kontakt so erstaunlich schüchtern wirkende Frau, die auf der Bühne gerne den furiosen Wirbelwind gibt, vor allem für geistig Behinderte und AIDS-kranke Kinder. Sie ist Ehrenmitglied von "Kinder für Rumänien e.V." und Leiterin von "SUBway", einem Projekt für Drogenabhängige.


Eines hat das "Klimbim"-Remake gezeigt: Die Zeiten ändern sich. Dennoch ist es wohltuend und faszinierend, dass es auch in diesen schnellen Tagen noch Urgesteine gibt, die Kontinuität versprechen. Kultur muss nicht immer auch in Kult enden. Bei den "Klimbims" aber war und ist es so. Manch einer der Gäste dieses abendlichen Stelldicheins wird die Fotos, die die Stadthalle als weiteren Service an die Abonnenten verschickt, stolz und sorgfältig hüten. Und „Kultstars“ zum Anfassen – Stadthalle sei Dank.