2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Freies Theater macht aus Kindern "Hans im Glück"
11/2005
Die Geschichte ist altbekannt und schnell erzählt: Ein junger Schneidergeselle bekommt von seinem alten Meister zum Abschluss der Lehrjahre einen dicken Goldklumpen. Doch den Lohn des Meisters Levi für sieben Jahre Fleiß und Arbeit vertut der unerfahrene Hans schrittweise, indem er das Gold erst gegen ein Pferd eintauscht. Er glaubt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben – bis er merkt, dass er auf dem störrischen Tier gar nicht reiten kann. Ähnlich geht es ihm auch mit allen danach folgenden Weitertauschaktionen: Immer glaubt er, richtig Glück gehabt zu haben, nur um später festzustellen, dass er weder mit der Kuh, die er nicht melken kann, noch mit dem Schwein, das angeblich gestohlen sein soll, wirklich etwas anfangen kann. Als er zuletzt auch noch die eingetauschte Gans gegen einen Schleifstein gibt, der ihm dann in den Fluss fällt, wo er für immer verloren ist, sollte Hans eigentlich traurig sein – mit so viel gestartet und doch alles verloren. Doch mit leerem Beutel und frohem Herzen macht Hans sich auf zu seinen Eltern und dankte Gott, dass er ihn von allen Lasten befreit hatte.

"Hans im Glück", die einzige Geschichte aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, die nicht mit "Es war einmal" beginnt, hat das "Blinklichter-Theater" aus St.-Leon in einer ganz eigenen Fassung umgesetzt und Mitte Oktober vor einem von gespannten Kindern in Besitz genommenen Kulturzentrum "Pumpwerk" aufgeführt. Damit war einmal mehr Wolfgang Messner in der Rennstadt zu Gast, der bereits in der Vergangenheit den Hockenheimer Nachwuchs begeisterte, zuletzt mit "Wenn Teddybären träumen" im Januar.

Was die "Blinklichter" zu einer sicheren Partie macht, ist der kaum vorstellbare Phantasieschatz, den Messner und sein Theater-Kollege Werner Ries – im "Pumpwerk" ebenfalls ein häufig und gern gesehener Gast – stets einsetzen, um Geschichten auf immer neue Arten und Weisen zu erzählen.

Es ist also – bei allem Respekt vor den Grimm’schen Märchen, die natürlich unbedingt zum Kulturschatz gehören - nicht das "Was", das die "Blinklichter" zu einer so wertvollen Bereicherung im Hockenheimer Kulturleben macht, sondern vor allem einmal das "Wie": Da verwandelt sich ein Besenstiel durch eine Socke in ein Pferd, das Bügelbrett bekommt Hörner und einen Eimer auf und wird, ergänzt durch einen Gummihandschuh-Euter, zur Kuh und ein weißes Stofftuch um den Arm gewickelt zur Gans. Es ist eine große Kunst, die nur auf den ersten Blick so verblüffend einfach wirkt: Aus Nichts Alles zu machen und Kinder auf diesem Weg mitten ins Geschehen zu holen.

Denn die Kinder standen bei diesem Stück nicht nur im Mittelpunkt des Interesses, sondern durchaus auch schnell mal auf der Bühne: Ultra-köstlich, als Messner die Bäuerin Olga gab, während er die kleine Annika aus dem Publikum in "Hans II" verwandelte.

Allerdings hatten bei "Hans im Glück" auch die zahlreichen begleitenden Erwachsenen durchaus ihren Spaß, was nicht eben eine Selbstverständlichkeit ist im Kindertheater: Auch sie waren – je nach Konstitution als stattliche Eichen oder "Silbertannen" - voll in die Erzählung integriert und trugen auch selbst als "aufgeregte Menge" manches zur Dramaturgie bei: "Ja des gibt’s doch net, Sackzement!" Zumal die "Lütten" mit ihrer fast pedantischen Art zu mancherlei Erheiterung Anlass gaben.

In den rund fünfzigminütigen Auftritt packte Messner neben dem Erzählen perfekte Exempel für Schattenspiel, Handfiguren- und "richtiges" Theater.


Bisweilen scheint der Theaterpädagoge sich selbst kopfschüttelnd zu fragen: "Wer macht heute noch Freies Theater – ist vom Aussterben bedroht". Weil das stimmt und weil die "Blinklichter" so köstliche Beispiele dafür geben, wie wertvoll eben dieses Freie Theater ist, wollen wir hoffen, dass die regelmäßig vollen Kindertheater-Aufführungen im "Pumpwerk" das ihre tun, um diesen Trend zu bremsen: Dann wären all die kleinen Nachwuchs-Zuschauer "Hans im Glück".

 

 

 
 

©:Blinklichter-Theater e.V., St.-Leon-Rot