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Erschienen
Psychogramm auf schwarzen und weißen Tasten
11/2005
"Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau'n" – Anfang der 1940er Jahre gab Johannes Heesters im Musikfilm "Immer nur du" einen Teil der Botschaft vor, die Mitte Oktober im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" auf eine makaber-genialistische Weise in seinem Sinn vollkommen verkehrt wurde. Den heute in Stuttgart lebenden, aus Neulußheim stammenden Schauspieler, Musiker und Sänger Reinhold Weiser kennt man im Hockenheimer Musentempel seit vielen Jahren – als Frontmann der Deutschrock-Band "Radioballett" war er häufiger und gern gesehener Gast in der Rennstadt. Nun verarbeitete der reifere Künstler in der bitterbösen Ein-Mann-Komödie "Der Walkürenritt" die nur scheinbaren Seeligkeiten einer 25-jährigen Ehe zur tatsächlichen Affäre mit einem Instrument und stellt in seiner Bilanz lapidar fest: "Meine große Liebe, liebe Erika, hab ich ja gefunden – das ist mein neuer Flügel".

Weiser gibt den kleinen, pingeligen, spießigen Gymnasiallehrer in Perfektion: Korrekt und angepasst hat er mit seiner Gattin die Silberhochzeits-Feier vorbereitet, die sie unbedingt wünschte – "Jawoll, Herr General". Die Rede an die Verwandten, Freunde und Kollegen entfernt sich aber schnell vom freundlichen Plauderton über die Anfänge der Beziehung und das gemeinsame Leben: Studium, Reihenhaus, Kinder, Beamtentum auf Lebenszeit – "davon Träumen alle, von diesem Albtraum". Die Festrede inszeniert der frustrierte Fünfziger nur äußerlich als lehrreiche Musikgeschichte; zwischen die Zeilen streut er die Abrechnung einer verletzten Seele. "Was mein innerstes Bedürfnis war, war euch lächerlich. Über meine Freuden und Schmerzen habt ihr gelacht!" Im tristen Trott einer leblosen Beziehung ohne Verliebtheiten, Wünsche, Träume und Sehnsüchte droht er zugrunde zu gehen. "Ja, so haben wir gelebt – das war schon ein Tod."

Das "Pumpwerk"-Publikum bekam einiges zugemutet an diesem Abend. Das Theaterstück von Uwe Hoppe war beileibe keine "leichte Kost", manche der teilweise durchaus auch lustigen Pointen traf den selbstkritischen Zuschauer in Mark und Bein. Dazu kam eine zwar anregende, aber auch anstrengende permanente Führung der Denkwelt mit doppeltem Boden: Die zahllosen musikalischen Anspielungen, die aus dem gigantischen Bühnenfestspiel "Der Ring der Nibelungen" des Bayreuther Komponisten Richard Wagner bezogen wurden, standen allenfalls als Kulisse für die emotional motivierte Aufsicht auf das, was einmal Zwischenmenschlichkeit sein sollte, dann aber allenfalls gemeinsame Einsamkeit wurde: Die monumentalen Festungen dieses kompositorischen Bollwerks bröckelte wie der angeblich so harmonische und sicher „Hafen der Ehe“ unter dem unablässigen Sperrfeuer des Verzweifelten. "Nach dem ersten Ausgehen waren wir ein Paar. Warum eigentlich?"

Dieser Frage geht Weiser in einer rund zweistündigen Analyse nach, er untersucht und seziert, er hält Fleischbeschau und wirkt von Anfang an wie der Pathologe seiner Selbst. Das Publikum, gefesselt von der Geschichte und dem so bemerkenswert authentischen Schauspieler gleichermaßen, folgt dem im Fest Trauernden auf einem Streifzug der Tristesse, die aber augenscheinlich über weite Strecken fast heiter daherkommt. Das liegt an dem Vehikel, das Hoppe für den kultivierten Seelenstriptease benutzt: Wie das Leben des Jubilars von der Musik als einzig farbigen Fäden im Alltagsgrau durchwirkt ist, so verschafft sich das Klavier als seiner Seele Ausdruckskraft auch im Stück immer wieder Gehör. Mozart, Bach, Debussy, Liszt – ein Reigen durch die Musikgeschichte transportiert sein Aufbegehren gegen das scheinbar Unausweichliche. Es mag nicht viele Künstler geben, die dieser besonderen Herausforderung gerecht werden können: Perfekte Schauspieler und gleichzeitig hervorragende Pianisten zu sein. Weiser schafft es und er vermag auch mit seiner Musik zu begeistern.

Als sich im Laufe des Stücks die Stille und das verzweifelte Nachdenken breit macht, begreift der Jubilar zusammen mit seinem atemlosen Publikum, mit dem er die ganze Zeit Zwiesprache gehalten hat, ohne auch nur eine Antwort zu erhalten, dass alles ein Ende haben muss. In der Musik ist es "ein Schlussakkord, auf den von Anfang an alles zuläuft". Diesen setzt er. Fulminant. Gnadenlos. Mit gewissem künstlerischen Witz. "Genau ausgetüftelt – mit den Pilzen". Alle müssen sie dran glauben, all diejenigen, die sein bisheriges Leben bestimmten, denen er sich anpasste, denen zu gefallen er versuchte: "Liszt ist erst möglich, als Wagner, das Monster, dahingerafft ist".


Weisers Gastspiel war ein unglaublich ergreifendes Psychogramm auf schwarzen und weißen Tasten. Eine berührende Sektion menschlicher Beziehungen. Und ein absolut genialer Wurf.