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Erschienen
Pfälzer Sokrates in Neulußheim zwischen Hamlet und Kotlett
11/2005
Wenn Sokrates durch einen dummen Zufall der Geschichte in der Pfalz unserer Tage geboren worden wäre – er würde Gerd Kannegieser heißen. Den Beweis trat der unter dem Deckmantel des Kabarettisten durch die Lande ziehende Dichter und Denker Ende Oktober im Neulußheimer Kulturzentrum "Alter Bahnhof" an. Etwas verspätet trat er vor den gnadenlos ausverkauften Musentempel, weil er sich in der Toilette "de Zibbl im Reißverschluss eigeklemmt" habe – "de Zibbl vun de Krawatt". Naja, "Wann's schun so los geht“ hieß ja auch vielsagend schon sein Programm, mit dem er rund zweieinhalb Stunden auf seine begeisterten Zuhörer, die er alle per Handschlag begrüßt hatte, einredete.
Dabei plauderte er sich mit seinen Geschichtchen und Episoden durch alle Niederungen des menschlichen Seins.

Der hemdsärmlige Denker findet dabei Wendungen, die so überzeugend und unkonventionell die Tücken des Daseins ins Lächerliche ziehen, dass es dem zwischen Lachsalven atemlos lauschenden Auditorium ein ums andere mal wie Schuppen von den Augen fällt: "Dem geht's wie mir". Wenn ein Kannegieser auf eine Politesse trifft, weil er "falschrum" in der Einbahnstraße parkt, quittiert er mit einem "Isch hab doch das Audo sorum kaaft", über den neuen Fernseher mit seinen 40 Programmen schüttelt er den Kopf, "die könne mir garnet alle gleichzeitig aangucke" und Tripper "musch du dir vorstelle wie Schnubbe – halt im Erdgeschoss". Dabei kommt der unkomplizierte Normalo dann gern "vum Kuchebacke zum Arschbacke", wie er selbst es auszudrücken pflegt.

Was Kannegiesers Erfolg – immerhin hat er es in das Wikipedia-Lexikon Pfälzer Mundartkabarettisten geschafft - ausmachen dürfte, ist sein Umgang mit dem Publikum "auf Du und Du". Er ist einer, dem man seine verrückte Art einfach abnehmen kann, weil man darin entdeckt, dass er auch nur "so bleed is wie isch". Und weil er kein hochgeistiges politisches Kabarett serviert, sondern irgendetwas zwischen Hamlet und Kotelett: "Dumm gebabbld is immer glei".

Dabei findet er so unerwartete Erklärungen für die großen Fragen unserer Zeit, dass es dem geneigten Zuhörer schwarz vor Augen wird: Die Gene des Menschen könne man sich vorstellen wie die Buchstaben in der Buchstabensuppe – "und es kummt nur drauf aan, wie gut die Supp gerührt war, als du dein Schöbber gekriegt hast".

Phänomenal, wie er dazwischen noch die Probleme beim Unterhosenkauf ("Ich finds schon peinlich genug, dass ma sei Unnerhose bei fremde Leid kaaft") und banale Erlebnisse seiner Stammtischgenossen einfließen lässt. Geschichten vom "Köhler Herrmann", der statt einer Ehefrau einen sprechenden Kühlschrank angeschafft hat ("Der babbld nur, wanne die Dear uffmasch") oder vom "Berger Emil", dessen Frau auf "Kur für die Nerve" ist.

Im Gegensatz zu seinen Standup-artig angelegten Hauptpassagen konnte Kannegieser bei den Neulußheimern mit seinen Lesungen dazwischen deutlich weniger landen. Durchaus amüsant die Episoden mit seiner Verwandtschaft – Onkel Albert, "um den es seit seiner Schwerhörigkeit ruhiger geworden ist" und Tante Clara, die mit Allerweltsweisheiten wie "das Leben geht weiter, da machste nix dran" aufwartet. Aber der "Pfälzer Heinz Becker" kommt eben doch am besten, wenn er nicht die Brille aufhat und ins Hochdeutsche verfällt.

Wie in den vergangenen neun Jahren, in denen der aus Hinzweiler im Landkreis Kusel stammende Kannegieser, der nebenher noch als Lehrer in der Walldorfschule unterrichtet, sein Kabarettdasein professionalisiert hat, war der bodenständige Kauz ("Ivan Rebrov soll mir jo ä bissl ähnlisch sehe – vor allem um die Mitte rum") in Begleitung seiner Tochter Nora. Allerdings war deren erster Auftritt im Neulußheimer Musentempel zumindest fürs Erste auch ihr letzter: Kannegiesers Mädel, im Gegensatz zum Sohn ("Der is wie Jesus: 30 Johr alt, lange Hoor und noch bei de Mudda wohne") der Stolz der Familie, ist nämlich quasi auf "Abschiedstournee". Mit Flöte und Querflöte umrahmte die "fast 17-Jährige" bisher das Programm ihres Vaters und ermöglichte dem Publikum dadurch kurze Verschnaufpausen zwischen den einzelnen Angriffen aufs Zwerchfell. Außerdem setzte sie auch einen optischen Glanzpunkt auf der Bühne – dass zunehmend Autogrammwünsche nicht mehr dem Familienoberhaupt, sondern seiner adretten Tochter gelten sollen, habe aber keinen Einfluss auf deren Ausscheiden gehabt. Zum Abschied gab sie auch mit ihrem weiterhin durch die Lande ziehenden Vater zusammen zwei musikalische Leckerbissen. Einmal für Querflöte und Quietscheentchen und einmal für Flöte und "Plastikdudd" ("gar nicht so einfach zu spielen, wie es vielleicht aussieht").


Trotz des langen Programms forderte das Publikum lautstark Zugaben. Und verließ schließlich den "Alten Bahnof" mit einem Hauch sokratischer Ironie im Herzen: Sie will den anderen nicht lächerlich machen, sondern seine Unzulänglichkeit als etwas zu erkennen geben, über das derjenige selbst lachen soll, anstatt zerknirscht zu sein.

 

 

 
 

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