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Erschienen
Sulkes Uschi schaut jetzt Niederfallen ferner Sterne
11/2005
"Die Bundesregierung sagt, wir gehen daran unter, dass wir zu viel krank sind – dann bin ich eben nicht krank", posaunte am vergangenen Samstag Abend im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" der Sänger Stephan Sulke trotz anders lautendem Attest hinaus: "Ihr müsst nur entschuldigen, wenn ich ein bisschen heiser bin".

Sprachs, setzte sich an den Flügel und gab ein zweieinhalbstündiges Konzert, das zwar tatsächlich manchen gesanglichen Abstrich in Kauf nehmen musste, das aber bei den Fans, die das Pumpwerk wieder einmal fast bis auf den letzten Platz füllten, die selbe Begeisterung auslösen konnte, wie sein Gastspiel im vergangenen Jahr.

In der Mischung, für die er bekannt und bei seinen Anhängern geliebt ist, plauderte, sang, lebte sich der Mann, der sein Repertoire irgendwo zwischen Liedermacher, Pop und Schlager angelegt hat, durch den Abend. Immer voll dabei und immer ganz eng mit seinem Publikum. In einer vertrauten, vertraulichen Atmosphäre erzählte er seine Geschichten, die inzwischen immer deutlicher eine retrospektive Nachdenklichkeit atmen. Dabei mischt der Mann, dessen Leben unglaubliche Brüche aufweist, der sich schon als Autor, Architekt und Bildhauer verwirklichte, der große Erfolge feierte und sich dann doch ganz aus der Öffentlichkeit zurückzog, zunehmend melancholische Noten auch in seine altbekannten Gassenhauer wie "Uschi mach kein Quatsch", mit dem er 1982 die Hitparaden stürmte und wofür er im gleichen Jahr den Deutschen Schallplattenpreis als "Künstler des Jahres" erhielt: "Man wird älter – und zwar gründlich!" So ist er, wie wir ihn kennen: Ein Traumtänzer ohne Illusionen, ein Magier der Worte, dessen Zauber nie das Unwirkliche, sondern immer die Realität verkörpert – "Man hat so viele Illusionen und sieht so viele Endstationen", singt er in "Komm mach Dir nichts draus", bevor er in "Tommy" ergänzt "und mein Gehirn kann nicht verstehn, was meine Augen täglich sehn".

Sein diesjähriges Programm, brachte neben den bekannten Titeln, die er auch in den letzten Jahren präsentierte – "Wenn einer nun einmal vom Herrgott so ein Gesicht bekommen hat", "Glücklich werd ich wohl nicht sein", "Bin der Typ von nebenan", "Ich bin ein altes Zimmer" – auch drei Beispiele von seiner neuesten CD "Niederfallen ferner Sterne" auf die Bühne.

Damit will der Mann, der musikalisch schon 2000, also lange vor der PISA-Studie, feststellte "In der Schule lernt man eh bloß Quark" Leuten, "die ich sehr bewundere" ein Denkmal setzen: Die Balladen und Gedichte von Goethe, Heine, Fontane, Rilke, Hoffmannsthal und C.F. Meye hat Sulke dazu in Tönen umgesetzt, weil er der Ansicht sei, dass "in der deutschen Sprache die schönsten Gedichte auf der Welt" verfasst worden und trotzdem so weit aus unserem Bewusstsein gerückt seien. So gab er im Plauderton aber in einer ungemein schlitzohrigen Interpretation Theodor Fontanes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland", eine in rassigem Rhythmus und scratchigem Sound modernisierte Fassung von Goethes "Zauberlehrling" und eine hochdramatische, nicht nur sprachlich, sondern auch gestisch-mimisch authentische "Brück’ am Tay", ebenfalls vom poetischen Realisten Fontane.

Nun mag sich der altgediente Sulke-Fan – durchaus auch ein wenig enttäuscht - fragen, was diese neue Eskapade im Werk des geschätzten Liedermachers soll. Aber "Keine neuen Ideen" ist ohne Frage nicht das Motiv des Sängers. Die "Fernen Sterne" sind vielmehr stringente Fortsetzung seines absolut unstringenden Lebens. Zumal er den Klassikern durchaus seine Handschrift verleiht. Wenn man sich darauf einlassen kann, dann entdeckt man darin ein nicht uncharmantes Experiment, das auf der CD auch bei weitem besser klingt, als es beim Liveauftritt mit dem knacksenden Clavinova den Anschein gehabt haben mag.


Sulke ist immer noch da, das konnte selbst der etwas kränkelnde Auftritt in Hockenheim unter Beweis stellen. Und Sulke ist, wie er war: Als er im tosenden Schlussapplaus mit dem verlegenen Lächeln fast peinlich berührt von der Zuneigung seiner Gäste winkend die Hand hob, war er weit entfernt vom "halb verträumten Tor" und viel näher dran ein seinem "Bist wunderbar, bist schön, bist fein wie ein großer Wein". Einer, der sein Publikum mitreißt, ergreift und beseelt – "und immer wieder hab ich dich bloß geliebt".