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Erschienen
"Cara" paart Andacht und Begeisterung
12/2005
"I buried my wife and danced on top of her grave", ich habe meine Frau beerdigt und tanze auf ihrem Grab: Besser kann man das Programm, das zum Oktober-Ausklang im knallvollen Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" das Publikum begeisterte, kaum auf den Punkt bringen. Zu Gast war "Cara", eine Formation, die aus dem "King-Walther-Treyz-Trio" hervorgegangen ist und sich "a new breeze in irish music", frischen Wind in der Folk-Szene, auf die Fahnen geschrieben hat.

Dafür brechen die vier Musiker, die jeder auf seine Art einen wichtigen Beitrag zum harmonischen Gesamtergebnis liefern, auf zu neuen Ufern: Sie produzieren nicht traditionelle irische Musik, wenngleich zahlreiche Reels und Jiggs des rund zweieinhalbstündigen Programms durchaus im Irish Folk wurzelten. Aber das Althergebrachte hat "Cara" begraben und lieber Neues damit gemischt, um auch einen Grund zu haben, auf dem musikalischen Grab zu tanzen. Und beides gelingt ihnen sehr gut: Das Begräbnis ist spannend und würdevoll, der Tanz ausgelassen und vital.

Das liegt ohne Frage an der Klasse, die die vier "Freunde" in ihre Konzerte einbringen: Gudrun Walther (vocals, fiddle), Sandra Steinort (vocals, piano, flute), Jürgen Treyz (guitar, 12-string) und Claus Steinort (flute, whistle) bringen jeweils eigene und sehr unterschiedliche Erfahrungen auch mit anderen Formationen, in denen sie aktiv sind, mit – "More Maids", "Adaro", "DeReelium", „Steampacket", "La Marmotte", "Deirin Dé". Weil sich ihre unglaubliche technische Fertigkeit und ihr künstlerisches Know-How aus so unterschiedlichen Quellen speist, ist auch das markante Ergebnis nicht verwunderlich. Mit Genuss zerpflücken sie traditionelle Musik bis auf ihre Grundbausteine, um sie neu zusammenzusetzen und dabei mit Versatzstücken aus der bretonischen, galizischen oder auch orientalischen Musik anzureichern. Dass die Stücke dabei nicht zur Beliebigkeit verkommen, wie es bedauerlicherweise bei vielen anderen Gruppen der Fall ist, mag dem unglaublichen Herzblut geschuldet sein, dass die vier in dieses Projekt einbringen. Selten nur hört man in der Szene einen so vielschichtigen Sound, der immer wieder überraschen kann. Das mag auch am Eifer und der Gleichwertigkeit in diesem Kollektiv liegen – da greift jeder mal zu Notenblatt und Griffel, um aufzuschreiben, was ihm gerade durch den Sinn geht.

Entsprechend spannend, abwechslungsreich und farbig war denn auch der Auftritt in Hockenheim. Fetzige Reel- und Jigg-Abwandlungen, denen zur ganzen Durchschlagskraft allenfalls noch eine bodhrán gefehlt hätte, sind der eine Teil des Repertoires, mit dem "Cara" ohne jede Schwierigkeit euphorische Stimmung im Publikum verbreiten konnte. Dazwischen streute die Formation dann ihre besonderen Leckerbissen: Ein tänzerisches Mitmachlied mit unerwarteter Wendung, die Instrumentalstrecke "Inning" (banannt nach der Autobahnausfahrt an der A96) mit Einsprengseln bayrischer Volksmusik, die im Auditorium entrücktes Jauchzen zur Folge hatte, oder auch das aus der Feder des schwäbischen Gitarristen Jürgen Treyz stammende "Frida", ein Stück von der CD-Produktion "in colour", das "schwedisch klingt", unglaublich sanft und zart einsteigt, dann aber enorme Rasse und viel Esprit entwickelt - brillant steht die Gitarre über allem, Klavier (man hatte diesmal glücklicherweise auf das sonst übliche kleine Keyboard verzichtet), Geige und Flöte kuscheln sich fast unmerklich dazu – herrlich.

Die ruhigen, deutlich melodiös angelegten Balladen sind überhaupt das Pfund, mit dem "Cara" am besten zu wuchern versteht: Die fast ätherische, stark behauchte und dadurch so unglaublich natürlich wirkende Stimme Sandra Steinorts, die man so gerne noch viel häufiger gehört hätte, mischt sich im Duett mit dem etwas dominanteren Ton Gudrun Walthers, die gerade heraus singt und dadurch mehr Kraft und Bodenhaftung hat, aber eben auch weniger griffig und markant klingt. Ornamenthaft und verspielt dazu die Begleitung Treyz, die man wegen ihrer phantasiereichen Wandlungsfähigkeit kaum zum Riff herabstufen darf, und der sehr charakteristische Ton Claus Steinorts.

So jagten Titel wie "There's a light" oder "Falls" gleich mehrfach Schauer über den Rücken – Gänsehautentzündungsgefahr.


Das Debüt "Caras" im Hockenheimer Musentempel macht uneingeschränkt Lust auf Mehr. Und das Publikum fordert danach: Wenn Andacht und Begeisterung sich paaren, dann ist frenetischer Jubel das Symptom dafür.