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Erschienen
Gemeindewoche in Hockenheim mit Messen der Kantorei gekrönt
12/2005
Den Abschluss der „Evangelischen Gemeindetage“ beging man am vergangenen Sonntag in der Hockenheimer stadtkirche mit einem großen Festkonzert: Die Kantorei setzte mit drei Messen von Gounod, Rheinberger und Saint-Saëns nicht nur einen würdigen Schlusspunkt, sondern man darf mit Fug und Recht behaupten, dass der 40-stimmige Chor unter der Leitung des Kantors Christian Holger Bühler die Festwoche anlässlich der 100-jährigen Grundsteinlegung des Gotteshauses krönte – mit einem bemerkenswerten Konzert, über das man in Hockenheim noch lange sprechen wird.

Unumwunden kann man zugestehen, dass man es der Kantorei, die ebenso wie viele andere Kirchenchöre von Nachwuchssorgen geplagt ist, kaum zugetraut hätte, dieser Literatur gerecht zu werden. Zumal auch noch große Bedenken wegen der inzwischen deutlich in die Jahre gekommenen Orgel bestanden. Das bemerkenswert gut besuchte Jubelkonzert strafte all die Zweifler Lügen und stellte einmal mehr unter Beweis: Die Kantorei ist unter ihrem Leiter einmal mehr zauberhaft aufgeblüht.

So präsentierten sich die Sänger trotz der etwas unterrepräsentierten Männerstimmen als kompaktes, durchzugsstarkes und vor allem homogenes Organ, als unitas, als Einheit. Bereits mit der Messe Nr. 6 aux cathédrales in G-Dur des französischen Komponisten Charles François Gounod, die man zum Einstieg wählte, konnte sich der Chor als trittsicher in den schwierigen, weil aufs Äußerste lyrischen, punktuell gar sentimentalen Passagen behaupten und ließ sich von Bühler wie blind durch die lebhaften Stimmungsumschwünge dirigieren. Das „Sanctus“ nahmen die Sänger mit enormer Kraft, gerieten dabei aber keinen Augenblick in die Gefahr des vulgären, selbst als die Männer – Achillesferse der meisten Ensembles – alleine hervortraten, mit dem „Et ressurexit“ aus dem „Credo“ dagegen formierte man sich „frisch, fromm, fröhlich, frei“. Einen ganz besonderen Beweis auch der technischen Fertigkeiten des Chores konnte man im fugato angelegten „Kyrie“ aus der Messe op. 4 des französischen Komponisten Charles Camille Saint-Saëns abliefern, wo vor allem die Frauenstimmen mit perfekter Intonation aufwarteten.

Insgesamt brillierte der Chor mit einer sauberen Absprache, viel rhythmischem Gefühl und einer ganz atemberaubend fein dosierten Dynamik – es ist ein Segen, wenn ein Kirchenmusiker so viel Wert auf die Details legt, weil damit nicht nur die geistliche, sondern vor allem die emotionale Komponente der großartigen kirchenmusikalischen Werke herausgearbeitet wird.

An der Seite des Chores standen vier Solisten, die durchaus eine ganz eigene Betrachtung wert wären. Über die Sopranistin Josefa Kreimes in unserer Region große Worte zu verlieren, wäre ein Affront gegen die unumstrittene Kapazität, insbesondere was Kirchenmusik angeht. Mit fester, farbenreicher Stimme ist sie hier genau in ihrem Metier. So schenkte sie auch diesmal dem Publikum gleich mehrfach wohlige Schauer der Begeisterung, als sie Gounods „Agnus Dei“ fein und ätherisch interpretierte, als sie mit weiten Koloraturen im „Sanctus“ des bei weitem nicht „kleinen und leichten Messgesangs“ der Messe in f-moll op. 62 des Anfang des vorigen Jahrhunderts verstorbenen liechtensteinischen Komponisten und Musikpädagogen Joseph Gabriel Rheinberger bestimmt und heilig mit ihrer Botschaft über dem Äther schwebte.

Daneben beeindruckte die Mezzosopranistin Regina Grönegreß, die standfest wie ein Alt, dabei aber auch leichtfüßig wie ein Sopran daherkam. Auch wenn sie gerade bei Rheinberger im Vergleich zu den anderen Solisten bisweilen etwas zu dominant wirkte, konnte sie gerade in den Quartetten mit ihrer von wenig Vibrato gezeichneten Stimme und einem natürlichen Timbre überzeugen.

Ebenfalls eine perfekte Ingredienz: Der Bass Thomas Herberich, der einen für die Lage schlanken, passagenweise fast lyrischen Ton und eine für das Metier erfrischend lebhafte Artikulation mitbrachte. Nicht schwach, aber den drei anderen Solisten auch nicht ebenbürtig Tenor Ingo Wackenhut, der bodenständig und breit im Ton angelegt doch bisweilen etwas nachlässig in der Absprache sang.

Ein wahres Wunder dagegen vollbrachte an der wie bereits angedeutet inzwischen etwas heiseren Orgel der als Bezirkskantor und Organist bekannte Detlev Helmer. Gerade in Saint-Saëns Messe, die ursprünglich für zwei Orgeln komponiert war, ließ er sie in einer ungewohnt angenehmen Weise erklingen. Ohne eine besondere Einfühlungsgabe in das 1970 gebaute Instrument wären die ornamenthaften Umspielungen, die kraftvollen Vor- und Nachspiele und die fein ziselierten Begleitungen nicht möglich gewesen.


Nach rund eineinhalb Stunden brandete wohlverdienter Applaus durch das Kirchenschiff und stehend brachte das ausnahmslos begeisterte Publikum dem Chor, den Solisten, dem Organisten und vor allem dem Kantor, der das alles ermöglicht und in einem Jahr sicherlich harter Arbeit vorbereitet hatte, eine Ovation, die durch kein Geld zu ersetzen ist: Amen, so sei es, schwebte wie eine stolze Botschaft über den Künstlern.