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Erschienen
"Quilting-Queen" Ursula Mehler sprengt alle Rekorde
12/2005
Eine ungewöhnliche Kunstausstellung sprengte Anfang November alle bisher dagewesenen Rekorde im Neulußheimer Kulturzentrum "Alter Bahnhof". Auch wenn der "Kunstpapst" Wolfgang Treiber bei der Vernissage zur jüngsten Ausstellung bereits von einer "begeisterten Anhängerschar" sprach, die der präsentierten Künstlerin Ursula Mehler folge und wenn man bei einer dritten Exhibition in dem inzwischen längst auch überregional bekannten Ausstellungsraum auch einen gewissen "Heimspielbonus" annehmen darf, stellte der Besucherstrom, der zur Eröffnung und an den beiden folgenden Tagen durch die Werkschau mit insgesamt 34 Exponaten strömte, doch auch die kühnsten Erwartungen in den Schatten: Kaum einmal ein paar Minuten, in denen die Künstlerin sich nur einzelnen Besuchern zuwenden konnte.

Nun darf man sich natürlich fragen, ob der Gegenstand, mit der sich die Mannheimer Künstlerin beschäftigt, dabei einen besonderen Ausschlag gibt: Sie ist international anerkannte und viel gefeierte Quilt-Künstlerin. Mag man im ersten Augenblick diese Wortkombination aus traditionellem Handwerk – das Quilten, eine mit der "Patchwork" verwandte Handarbeitsform, bei der zwei Stofflagen mit einem Vlies zur Wattierung dazwischen vernäht und dann zur Verzierung abgesteppt werden, war bereits im Mittelalter eine völlig gebräuchliche Art, Decken und Kleidung herzustellen und ist heute vor allem in Amerika weit verbreitet – und künstlerischem Anspruch noch etwas übertrieben finden: Wer Mehlers Quilts einmal gesehen hat, ist davon überzeugt, dass hier echte Kunstwerke entstanden sind, die weit über das Kunsthandwerk hinaus gehen.

Dennoch darf man in den Werkschauen die Exponate nicht unabhängig von der Künstlerin betrachten. Was Mehler ausmacht, ist eine Art Gesamtkunstwerk, in dem sich die lebenslustige und aktive Frau selbst immer wieder einbringt, sich zu Wort meldet, den Blick lenkt oder einfach nur eine kleine Geschichte erzählt, die bisweilen mit dem Kunstobjekt auch gar nichts zu tun hat. Sie gehört einfach dazu.

Von den mehr als dreißig Werken gibt es selbstverständlich – das liegt bei dieser Kunstform quasi in der Natur der Sache – auch Exponate, die sich im Spannungsverhältnis zwischen Technik und Kunstanspruch eher vorrangig am Extrem der Technik orientieren. Aber dafür gibt es auch Objekte, die – ohne die technische Perfektion, die allen Mehler-Werken innewohnt, zu schmälern – sich am Extrem der reinen Betrachtung orientieren.

Als Beispiel für die erstgenannte Form könnte der sechsteilige Bildzyklus "Im Vorbeifahren" stehen: Zwar zeigen die durchaus nett anzusehenden Textilbilder besonders anschaulich die Technik, mit der Mehler, die Nadel gleichsam wie einen Bleistift führend, die feinen Muster und reliefhaften Strukturen in den Stoff fixiert und deutlicher abgesetzte aufgenähte Objekte einfließen lässt. Doch sind die sechs rechteckigen Stoffbahnen doch letztlich nicht viel mehr als genähte Momentaufnahmen unterschiedlichster Landschaften – von der Wüste bis zum Umspannwerk.

Die hohe Kunst dagegen spricht aus Ursula Mehler in anderen Exponaten: Da verbindet sie im zweiteiligen "Mis(s)-Wahl" in Schwarz, Gold und Silber ornamenthafte Strukturen und afrikanisch anmutende bildliche Darstellungen zu einer augenzwinkernden, vor allem aber fesselnden Geschichte. Traditionelle Elemente der bildenden Kunst nahm sie in "Barock" auf, einem prunkvollen Wandteppich mit einem ins Zentrum gesetzten Strahlen auf pastelligem Untergrund, das durchaus auch sakralen Charakter aufweist.

Besonders beeindruckend aber zwei stilistische Quantensprünge: Mit "Nebukadnezars Traumbaum" und "Zwillinge" deutete die Künstlerin die dritte Dimension nicht nur strukturell an, sondern erhob sich mit nur teilweise fixierten Aufnähungen tatsächlich in den Raum, wobei sie beim "Zwillinge" diese auf Tiefenwirkung angelegte Technik durch Stapelung noch perfektionierte. Der zweite revolutionäre Fortschritt: Das "Glashaus", ein Beispiel für eine transparente Quiltart, ein Kunstwerk, das sich, bei aller stofflichen Präsenz, in den Raum ätherisch aufzulösen scheint.


Nach drei Tagen Ausstellung ist zumindest in Neulußheim klar, was Tassilo Treiber, der die Vernissage mit der Klarinette musikalisch umrahmte, mit einem etwas abgewandelten ABBA-Titel auf den Punkt brachte: Ursula Mehler ist die "Quilting Queen".